Harburg – Es war ein Ritt auf ganz dünnem Eis. Als klar war, dass der SPD-Abgeordnete Arendt Wiese nicht an

der Sondersitzung zur Wahl der neuen Bezirksamtsleiterin teilnehmen wird, hatte es im Gebälk des eben erst gegründeten „Fredenhagen-Wahlvereins“  aus SPD, Linken und Grünen besorgniserregend geknackt. Von der rechnerischen Mehrheit von drei Stimmen über den notwendigen 26 war schon mal ein Drittel weg.

Trotzdem gaben sich die Frontmänner der SPD gelassen. Frank Richter tat etwas, was Psychologen als „Pfeifen im Keller“ bezeichnen würden. Er verdrängte die Angst vor einer krachenden Niederlage, der mit Sicherheit Forderungen nach seinem Rücktritt als Kreisvorsitzender folgen würden, und wies auf die Fraktionssitzung vom vergangenen Donnerstag hin. Dort habe sich die Fraktion einstimmig dafür ausgesprochen, Sophie Fredenhagen zur Wahl vorzuschlagen. Auf Nachfrage musste Richter allerdings einräumen, dass es keine geheime Abstimmung war. Wer also die Kandidatin nicht wollte, hätte viel Mut aufbringen müssen.

In der geheimen Wahl der Bezirksamtsleiterin war dieser Mut nicht mehr gefragt. Prompt knackte es noch zweimal. 26 Stimmen für Fredenhagen, 22 gegen sie, eine Enthaltung. Vorausgesetzt, Linke und Grüne haben geschlossen Fredenhagen gewählt, müsste sich bei der SPD noch einer gegen sie entschieden, einer sich enthalten haben. Da die Wahl aber geheim war, wäre alles Weitere Spekulation.

Dennoch bleibt die Frage, warum Arendt Wiese nicht zu so einer wichtigen Sitzung und dazu noch bei so knappen Mehrheitsverhältnissen erscheint. Es hieß, er sei im Urlaub. Welcher Fraktionsvorsitzender und welcher Kreisvorsitzender erlaubt denn so etwas? Nun ist es kein Geheimnis, dass Wiese einer der Kandidaten war, von dem man abweichendes Verhalten erwarten konnte. Manche Genossen sagen es etwas grob: Wiese sei regelrecht „enteiert“ worden. Vor zwei Jahren war er noch Kreis- und Fraktionsvize, dazu Vorsitzender des mächtigen SPD-Distrikts Neugraben-Fischbek. Heute ist er wider Willen nur noch einfacher Abgeordneter. Die Enttäuschung muss tief sitzen,  wenn man persönliche Rachegefühle über das Wohl der Partei stellt.

CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer hatte noch eine andere Version anzubieten: Zur ursprünglich geplanten Sitzung am 6. September wäre Wiese  ja gekommen, aber als diese dann auf den 10.September verschoben wurde, hätte Wiese schon seinen Urlaub gebucht. Was Fischer wiederum als „weiteren Beweis für das unprofessionelle Management“ der SPD-Führung wertete.

Und Fischer hatte noch mehr Gift für seinen einstigen Koalitionspartner. Gegenüber Journalisten behauptete er, Barbara Lewy von den Neuen Liberalen habe auch für Fredenhagen gestimmt. Weil, so Fischer, „sie zurück zur SPD will“. Lewy war früher Genossin, war dann aber zu den Neuen Liberalen gewechselt. Würde das stimmen, müsste noch ein SPD-Abgeordneter mit Nein gestimmt haben. Im Übrigen hat Barbara Lewy Fischers Darstellung dementiert: „Das ist einfach nicht wahr.“

Vor der Abstimmung hatte sich Sophie Fredenhagen noch einmal kurz vorgestellt und ihr Motivation erläutert, warum sie sich als Bezirksamtsleiterin bewirbt: „Es ist die persönliche und fachliche Verbindung zu diesem Bezirk.“ Neben den erwarteten Zielen wie Wohnungsbau, natürlich „vor allem bezahlbar“, Stärkung des ÖPNV und des Radverkehrs, Ausbau der sozialen Infrastruktur nannte sie auch „die Zukunftsfähigkeit diese Hauses“ – sie will im Bezirksamt den Fachkräftemangel verringern und die Digitalisierung vorantreiben. Vor allem wolle sie gerne die „von den Harburgerinnen und Harburgern erwartete Rolle als Bezirksbürgermeisterin annehmen“.

Fast alle Redner dankten anschließend dem stellvertretenden Bezirksamtsleiter Dierk Trispel, der die Amtsgeschäfte seit der Erkrankung von Thomas Völsch geführt hatte. Und sonst? Immer wieder Kritik an der GroKo für ihre öffentlich ausgetragenen Diskussionen über die Qualitäten der Kandidatin. Die Urteile: „Unsägliches Gezerre“ (André Lenthe, Linke), „unanständig“ (Britta Herrmann, Grüne), „beschämend“ (Carsten Schuster, FDP),  „unterirdisch“ (Harald Feineis, AfD) und „ziemlich ärgerlich“ (Kay Wolkau, Neue Liberale). SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath nahm die Kritik an: „Das war wirklich kein Ruhmesblatt für dieses Haus.“

Ralf-Dieter Fischer ignorierte die Kritik und schoss noch einmal heftig gegen Fredenhagen, warf ihr unter anderem vor, im Falle eines Pakistani, der im Oktober 2017 in Neuwiedenthal eines seiner Kinder getötet hatte, hinterher als Jugendamtsleiterin festgestellt zu haben, dass „unser Methode im Umgang mit Migranten nicht wirksam ist“.  Fischer: „Das hätte ihr früher einfallen können.“

Nun ist das alles Geschichte, Fredenhagen ist gewählt und wartet nun darauf, dass der Senat sie als neue Bezirksamtsleiterin bestellt. Das könnte Anfang Oktober geschehen. ag