140411BrueckenquartierHarburg – Vermutlich fühlte sich die CDU einfach überrumpelt. Jahrzehntelang tat sich im Harburger Binnenhafen in Sachen Einzelhandel kaum etwas,

vielleicht mal ein Zeitungsladen oder eine kleine Bäckerei. Alles andere – und womöglich sogar ein schicker Lebensmittel-Vollsortimenter – war mit Rücksicht auf die kränkelnde Innenstadt jenseits der Bahn tabu.

Und nun sollte sie im Stadtplanungsausschuss plötzlich der Einleitung eines turboschnellen Bebauungsplanverfahrens zustimmen, mit dem nicht nur Wohnungsbau an Stellen zugelassen werden soll, an denen es bis jetzt ausdrücklich nicht erlaubt ist. Mehr noch: Im Binnenhafen soll auch ein Lebensmittel-Vollsortimenter mit einer bescheidenden Verkaufsfläche von 1100 bis 1200 Quadratmeter Verkaufsfläche. Muammer Kazanci (SPD), Vorsitzender des Stadtplanungsausschuss, und Baudezernent Jörg Penner drängten auf Eile. Sie wollten ein Votum für ein beschleunigtes B-Plan-Verfahren ohne aufwändige, zeitraubende Bürgerbeteilung und erinnerten daran, dass der Ausschuss zwar am Montag schon wieder tagt, dann aber wegen der bevorstehenden Wahl zu den Bezirksversammlungen und der Sommerpause erst wieder im September-

So lange will man Projektentwickler Frank Lorenz nicht warten lassen. Der hatte das Areal zwischen Theodor-Yorck-Straße und Östlichem Bahnhofskanal auf dem Gelände des ehemaligen Harburger Güterbahnhofs gekauft, „Brückenquartier“ getauft und auf dem Papier schon mal mit drei Wohn- und Geschäftshäusern bebaut. Parallel dazu hatte er mit gezielten öffentlichen Äußerungen zu einem so dringend benötigten Lebensmittel-Vollsortimenter die Lage gepeilt. Es gab keinen erkennbaren Widerstand, das Tabu schien sich nicht nur in Luft aufgelöst zu haben. Harburgs Chef-Stadtplaner Carl-Henning von Ladiges sagte sogar: „Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, was man gegen diesen Plan haben könnte.“

CDU-Chef Ralf-Dieter Fischer maulte trotzdem:  Ihm ging das alles zu schnell. Das Gutachten, das die Auswirkungen so eines kleinen Vollsortimenters im Binnenhafen auf den Einzelhandel im Einzugsgebiet untersucht hatte, lag erst seit drei Tagen vor. „Das müssen wir erst einmal durcharbeiten, dann können wir entscheiden“, sagte Fischer. Immerhin war Gutachter Andreas Gustafsson vom Marktforschungs- und Beratungsunternehmen bulwiengesa in den Ausschuss gekommen, um die wichtigsten Erkenntnisse im Schnelldurchgang vorzustellen. Dass er zum Schluss kommt, der Binnenhafen-Vollsortimenter hat praktisch überhaupt keine Auswirkungen auf den Einzelhandel in der Innenstadt, war wenig überraschend. Erstaunlich war allerdings, dass er den Handelshof („Der Großhandel spielt kaum eine Rolle“) und auch den Harburger Wochenmarkt überhaupt nicht berücksichtigte hatte.

Er kam auch zum Schluss: So ein Vollsortimenter an dieser Stelle und in dieser Größe kann sich durchaus rechnen. Auch das war wenig überraschend. Immerhin soll es schon drei Bewerber für diese Verkaufsstätte geben. Die werden auch wissen, was sie tun.

Und wir wissen, was Ralf-Dieter Fische rund seine Leute am Wochenende tun: Sie wollen das Gutachten noch einmal durcharbeiten und am Montag im Stadtplanungsausschuss ein Votum abgeben. ag