Harburg – Die Gäste trudelten erst langsam sein, manche kamen deutlich zu spät. Der Einladung des Wirtschaftsvereins

für den Hamburger Süden zum „Industriefrühstück“ im Hotel Lindtner waren sie gerne gefolgt, doch die meisten steckten irgendwo zwischen A1 und A7 im Stau. „Ich hatte Probleme, überhaupt von der Insel runterzukommen“, sagte Georg Mecke, Airbus-Werksleiter auf Finkenwerder, eben „der Insel“. Es sei unverantwortlich, was da auf den Straßen an Kapital herumstehe.

Damit waren Arnold G. Mergell, Geschäftsführer der HOBUM Oleochemicals GmbH und im Vorstand des Wirtschaftsverein für den Bereich Industrie zuständig, und seine Gäste schon beim ersten Thema, das ihnen zurzeit Sorgen macht. „Der Verkehr wird zunehmend zu einem negativen Wirtschaftsfaktor für den Hamburger Süden“, sagte Mergell. Jochen Winand, Vorsitzender des Wirtschaftsvereins, wurde noch drastischer: „Die Planung der Baustellen ist einfach schwachsinnig.“ Es sei unfassbar, was sich jeden Tag auf den Straßen in und rund um Harburg abspiele. Auf dem Weg zum Industriefrühstück habe er selbst im Marmstorfer Postweg im Stau gestanden. Der Grund: Ein nichts ortskundiger Lkw-Fahrer habe mit Hilfe seines Navis den Stau umgehen wollen und hatte sich prompt mit dem Sattelschlepper an einer der Nasen zur Verkehrsberuhigung verhakt.

Mergell, Christian Bartsch vom Industrieverband Hamburg und andere Wirtschaftsvertreter haben indes noch andere Sorgen – zum Beispiel die zunehmende Verknappung von Industrie- und Gewerbeflächen. Und zwar gerade in Zeiten, in denen der Hamburger Senat verstärkt auf den Wohnungsbau setzt. Mecke: „Deshalb dürfen wir Industrie- und Gewerbeflächen nicht leichtfertig aufgeben.“ Zudem führe es automatisch zu Konflikten, wenn Wohnquartiere näher an Industriebetriebe heranrücken. Mergell: „Da muss die Politik auch viel deutlicher werden: Es kann nicht angehen, dass Wohnungen gebaut werden und die Investoren es auch hinnehmen, dass in der Nähe emittierende Betriebe sind, nach drei Jahre kommt aber der erste Nachbar und klagt gegen die Betriebe.“

Die richtigen Entscheidungen zu treffen, sei gerade für die Bezirkspolitik mit ihren eher geringen Kompetenzen nicht leicht, meinte Dagmar Overbeck, SPD-Bezirksabgeordnete und Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses der Bezirksversammlung. „Außerdem: Wer auf eine strikte räumliche Trennung von Arbeiten und Wohnen besteht, muss auch einsehen, dass damit automatisch mehr Verkehr entsteht. Die Leute wollen ja schließlich auch irgendwie zur Arbeit kommen.“ Einen ganz anderen Aspekt führte Robert Timmann, CDU-Bezirksabgeordneter  und stellvertretender Vorsitzender der Bezirksversammlung, an: „Die Verknappung der Flächen in einem Stadtstaat wie Hamburg führt auch zunehmend zu Problemen, die gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsflächen für Eingriffe in die Natur zu finden.“  Häufig werde man nur noch in einem benachbarten Bundesland fündig.

Mit einem wahrlich grotesk anmutenden Beispiel wies Mergell auf eine dritte große Sorge der Wirtschaft hin: die wachsende „Verdeutschung“ der Vorschriften. Mergell nannte es „Mikro-Strangulierung“. Sein Unternehmen müsse sich  zurzeit mit mehreren Ordnungswidrigkeiten beschäftigen. Der Vorwurf der Wasserschutzpolizei: Die HOBUM habe in Transportpapieren zwar alle Gefahrgüter deklariert. „Aber leider in der verkehrten Reihenfolge“, sagte Mergell. So etwas könne kleine und mittelständische Betriebe auf Dauer strangulieren.

Aber an diesem Morgen wurde nicht nur „gemeckert“. Jochen Winand hatte zum Schluss noch viel Lob für Bezirksamtsleiter Thomas Völsch: „Er nimmt unsere Sorgen wirklich ernst. Und er kümmert sich um uns.“ Es war schließlich Mergell, der allen widersprach, die Harburg schlecht reden. Seine Schlusswort macht Mut und stimmt optimistisch: „Neben den Traditionsbetrieben entsteht in Harburg viel Innovatives – wie jetzt gerade der Hamburg Innovation Port. Das ist eine unglaublich zukunftsweisende Kombination. Sie wird uns noch wahnsinnig voranbringen.“ ag