160607Pawlik1Heimfeld – Das Warten hat sich gelohnt. Auch wenn der Vortrag von Joachim Pawlik, Vize-Präsident beim FC St. Pauli mit Verspätung begann, kamen die Zuhörer

bei der Monatsveranstaltung des Wirtschaftsvereins im Privathotel Lindtner mehr als voll auf ihre Kosten. Den Einblick, den der erfolgreiche Unternehmensberater in die Fanstruktur, das Marketingkonzept und die manchmal quälenden Entscheidungsfindungen gab, war nicht nur interessant, sondern auch amüsant. Der 51-Jährige ist ein echter Entertainer, der es mühelos schafft an einem lauen Sommerabend die Sehnsucht der Zuhörer nach dem After-Vortragsdrink auf der Terrasse auf ein Minimum zu reduzieren. Da war es eigentlich ein Gewinn, dass ein dreieinhalb Minuten langer Film über den Verein wegen eines technischen Problems mit der Datei nicht abgespielt werden konnte. So war mehr Platz für den eloquenten Gastredner, der von St. Pauli Vorstandkollegen und Chef des Wirtschaftsvereins, Jochen Winand, geholt wurde.

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Joachim Pawlik beim Wirtschaftsverein. Fotos: zv

Natürlich macht es der Verein mit seiner Struktur Pawlik leicht, den Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Der FC St. Pauli, das ist ein Verein, der so unheimlich erfolgreich ist, weil er nicht erfolgreich sein will. Es ist ein Verein, in dem reiche Pfeffersäcke beim garantierter Rückkehrmöglichkeit für ein paar Stunden den Abstieg von der Häppchenetage in die Holzklasse mit absolutem jugendlichem Einheitsgefühl genießen und Totenkopffähnchen schwenken zu können. Und es ist ein Verein, der durch die Sehnsucht nach der Andersartigkeit nicht nur die Frechheit im Marketing als Konzept hat, sondern sie auch umsetzt. Das bringt einen gediegenen Stil und hippe Begrifflichkeiten hervor, wie Séparée als Ersatz für die nicht vereinskomforme Bezeichnung VIP-Lounge, bei denen sich die Mieter so richtig ins Zeug legen, um kretiv rüber zu kommen.

Tatsächlich sind die Fans der Kiezkicker in der Masse alles andere, als Underdogs aus der links angetatschten Szene. Knapp 80 Prozent der Anhänger, so ließ es Pawlik die Zuhörer wissen, besitzen einen mittleren bis hohen gesellschaftlichen Status. Und auch das: Mehr als bei jedem anderen Fußballverein trifft man unter den Anhängern vom FC St. Pauli auf mittlere und hohe Einkommensschichten.

Das wiederum macht den Verein so interessant für Firmen als Werbeplattform. Die werden beim FC St. Pauli streng gesiebt, was am Ende zwar nicht immer die höchsten Beträge bringt, aber eine lange Bindung nach sich zieht. Die limitierten Möglichkeiten des Marketings, es wird beispielsweise nie einen Namensverkauf für das Stadion geben, erzeugen eine zusätzliche Knappheit, was zusätzliche Begehrlichkeiten weckt. Es ist ein vermutlich nicht übertragbares Konzept, durch das ein Zweitliga-Verein, was das Marketing angeht, in einer Spitzenposition in der ersten Liga mitspielt. zv