120812Hafen1Binnenhafen – Die Welt des Thomas Völsch scheint klein zu sein, wenn es um den geplanten Zaun am Kanalplatz geht. „Wer sich mit dem Thema befasst wird schnell feststellen, dass vergleichbare Flächen

überall auf der Welt gesichert sind“, lautet seine Aussage. Einer der sich damit beschäftigt hat, ist Gorch von Blomberg von der Kulturwerkstatt. Seine Erkenntnisse strafen die Worte von Harburgs „Bürgermeister“ zumindest Unwissenheit.

Schon in Stade oder Lübeck, aber auch an vielen anderen Stellen in der Welt gibt es, so belegt es von Blomberg mit Fotos die er am Sonntag auf einer gut besuchten Veranstaltung der Kulturwerkstatt zeigte, sehr wohl Kaianlagen die ganz bewusst nach einer vergleichbaren Entwicklung wie in Harburg ohne Zaun blieben, um das einmalige Flair des Hafens zu erhalten und auch das zu ermöglichen, wozu solche Kaianlagen gebaut sind: 120812Hafen2Dem Anlegen von Schiffen. Dort trauen die Behörden den Menschen offenbar zu, dass sie ohne Zaun die Gefahr einer Kaimauer einschätzen und auch entsprechend reagieren können.

In Harburg ist das nicht so. Zwar ist die Behörde in Sachen „Verkehrssicherungspflicht“ bei durch Frost demolierten Straßen eher lax und warnt vor der Gefahr einfach durch Schilder. Im Binnenhafen ist das keine Option. Dort braucht man offenbar einen Zaun, um die zu dusselige Bevölkerung davor zu schützen 1,35 Meter tief ins nasse Unglück zu stürzen. Völsch ist sich dabei nicht einmal zu schade ein totes Kind als „Argumentationskrücke“ zu benutzen.

Es geht um den zwei Jahre alten Hasan, der 2010 in Wilhelmsburg mit einem Dreirad in einen Bach rollte, und ertrank. Dabei ist das Wasser dort nicht tief. Eine Absturzkante wie im Binnenhafen gibt es nicht. Der Tod des Jungen ist vielmehr mit einem Phänomen zu erklären, das auch knietiefe Gartenteiche für Kleinkinder zur Todesfalle macht. Kleinkinder bleiben oft einfach wie erstarrt liegen, wenn sie mit dem Gesicht ins Wasser fallen. Deswegen werden auch Badewannen und Planschbecken immer wieder Ort solcher Tragödien. Wollte man so etwas nach allen Möglichkeiten verhindern, wäre es sinniger den Brunnen am Rathausplatz zum umzäunen.

Einen Fall, in dem im Hamburger oder Harburger Binnehafen Kinder ins Wasser stürzten, gab es nicht, weiß Jürgen Albers, der als leitender Mitarbeiter von der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) ein Fachmann ist. In den zehn Jahren, in denen er sich beruflich mit dem Thema beschäftig, sind bislang zwei Personen im Hamburger Hafen von Kaimauern ins Wasser gestürzt. Es waren zwei Polizisten, die das Opfer einer defekten Gangway wurden.

Der „gute Grund“, aus dem es Völsch am Binnenhafen einen Zaun geben soll, bleibt auch so sein Geheimnis oder eine einfache Floskel, mit der er seiner Behauptung mehr Gewicht geben will.

Der Zaun dürfte vielmehr das Ergebnis einer internen Bedenkenträgerei von Mitarbeitern verschiedener Abteilungen im Bezirksamt Harburg sein, die bereits unter Bezirksamtsleiter Torsten Meinberg in der Regierungszeit der CDU und GAL in diese Richtung versteifte. Völsch hat sich diese Variante offenbar zu eigen gemacht. Die viel zitierte Hamburgische Bauordnung, auch das wurde bei der Veranstaltung des Kulturvereins deutlich, lässt Varianten zu, die ohne Zaun auskommen. Der Beweis liegt einen Steinwurf entfernt. Neben den Channel-Gebäuden, die zum Palmspeicher führen, ist am Kanal kein Geländer. Es hat auch damit zu tun, dass dort Schiffe anlegen. Das ist für den Kanalplatz ausdrücklich auch so erwünscht.

Man könnte den geplanten Zaun als Posse durch Beamtenstarrsinn abtun. Man könnte achselzuckend darüber hinweggehen, dass der Bezirk kein Geld für viele Einrichtungen hat, dort aber willig mindestens 50.000 Euro ausgibt. Man kann hinnehmen, dass der geplanten Zaun durch seine Höhe von 1,2 Metern und den alle 30 Meter vorgesehenen Durchgängen so löchrig wie ein Schweizer Käse ist, sodass man immer noch wie ein „Schießhund“ auf seine kleinen Kinder achten muss, die man dort mit hinnimmt. Was schwerer wiegt, ist die Einschätzung von Blomberg, wie es am Kanalplatz weiter geht. „Das Geländer schadet dem Binnenhafen“ meint er. Harburg verliert ein kleines Stück von dem Traum sich „zurück ans Wasser zu entwickeln“.

Schiffe, so weiß es von Blomberg aus den Ankündigungen von Eignern, werden nicht mehr zu Veranstaltungen wie das Binnenhafenfest kommen. Die jährliche Party am Wasser, mit der sich der Bezirk so gern schmückt, ist laut von Blomberg dann „extrem gefährdet“. zv