120515Grabung1Binnenhafen – Harburgs Archäologen träumen von einem Lokus. Alt muss er sein. Möglichst alt. Der wäre, da ist sich Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Chef des Helms-Museums, sicher, eine Goldgrube. „In Kloaken ist viel drin, weil niemand

rausholen wollte, was da aus Versehen reingefallen ist“, weiß auch sein Kollege Philip Lüth, der an der Harburger Schloßstraße wissenschaftlicher Grabungsleiter ist. Hier gehen die Mitarbeiter unter einem über 300 Quadratmeter großem Bierzelt langsam auf Tiefe. 1,2 Meter sind sie schon gekommen. 4,7 Meter wollen sie tief graben.

Die Schloßstraße ist stadtgeschichtlich gesehen ein archäologischer Glücksfall. „Der Straßenverlauf hat sich über 800 Jahre nicht verändert – beste Voraussetzungen für die Archäologen, die frühe Siedlungsgeschichte Harburgs zu erforschen“, weiss Weiss. „Hier begann vor über 1.000 Jahren die Entwicklung Harburgs von der Burg zur Stadt. Hier lag das historische Harburg, hier befanden sich das erste Rathaus und der älteste Hafen.“ Die Häuser wurden damals einfach abgerissen und auf das Fundament neue gebaut. So geht man Schicht für Schicht die Jahrhunderte zurück.

Wie tief sie graben müssen, wissen die Archäologen durch Bohrungen, die genau anzeigen, wo bebauter Boden aufhört und eiszeitlich abgelagerter Sand beginnt. Der zweite Glücksfall ist, dass der Boden so feucht ist, dass Fundstücke über die Jahrhunderte gut erhalten sind. Sie waren luftdicht konserviert. So findet man hölzerne Wasserleitungen oder ledernde Schuhe. In den meisten anderen Böden wären solche Stücke längst vergammelt. Schon jetzt zeigt sich, dass die Grabungsstelle an der Schloßstraße eine echte Fundgrube ist. Kacheln, Scherben, Unmengen von Nägeln, 200 Jahre alte Murmeln, mit denen Kinder in der Schloßstraße spielten, Musketenkugeln aber auch zwei Silbermünzen, eine 1806 in Braunschweig geprägt und auch chinesisches Porzellan, ein Beleg, dass dort einmal die wohlhabenden Bürger Harburgs lebten, sind schon aus dem Boden geholt wurden.

Archäologisch gesehen ist das der Anfang. Das beste kommt bei solchen Grabungen zum Schluss. Mit jedem Zentimeter geht es weiter in die Vergangenheit Harburgs. Die Schichten erzählen von den Anfängen der Stadt als Grenzfestung und dem späteren Herrschaftssitz der Harburger Herzöge, von dem Militärwesen des 17. und 18. Jahrhunderts und der späteren Industrialisierung.

Und weil Weiss weiss, das so etwas nicht nur Wissenschaftler in Ekstase versetzt und er ohnehin das hat, was man einen Riecher für bürgernahe Archäologie nennt, gibt es natürlich Führungen zu den Grabungsstellen. Jeden Donnerstag ist Treffen im TuTech-Haus, wo auch eine Vitrine aufgebaut ist, in der bereits geborgene „Schätze“, aber auch die besten zukünftigen Ausgrabungsstücke zu sehen gibt. Um 14 Uhr wird dann von dort unter fachlicher Anleitung die Tour zur Grabungsstelle gehen. Drängeln ist nicht nötig. Insgesamt sollen 2.000 Quadratmeter Fläche untersucht werden. Die Ausgrabungen in dem Bereich dauern bis 2014. zv

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