150702DebatteHarburg„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Gelegentlich reicht ein Zitat von Bertolt Brecht, um einen

ganzen Abend zusammenzufassen. Das Stück hatte den spröden Titel „Veranstaltung zur A26-Ost“, dennoch hatte es  knapp 150 Bürger aus Wilhelmsburg, Neuland, Moorburg, Bostelbek und vielleicht auch noch anderswo in den Rieckhof gelockt. Sie wollten hören, wie das Gespenst „Hafenquerspange“ nun Gestalt annehmen und sichtbar, vor allem aber hörbar werden soll – ein Gespenst, das seit mehr als 20 Jahren auf der Elbinsel herumspukt und an immer wieder neuen Stellen für Unruhe sorgt.

Es ist ja aller Ehren wert, wenn sich die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (kurz: BWVI) und die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (kurz: DEGES) vornehmen, die Bürger über ein 900-Millionen-Euro-Projekt „möglichst früh  zu informieren“.

Ob das gelingen kann, wenn Klaus Franke von der BWVI und Peter Pfeffermann von der DEGES in zwei „Impulsreferaten“, die auch schon in öffentlicher Sitzung des Harburger Verkehrssausschuss zu hören waren und auch dort schon mit ein paar bunten Bilden garniert waren, die zwar nett zu betrachten sind, aber auch wenig Informationsgehalt haben. Was sagt schon eine Grafik aus, die eine Autobahnbrücke aus Sicht eines Radfahrers auf dem Untenburger Querweg und dem prognostizierten Baumbestand zehn Jahre nach Fertigstellung der Querspange (Pfeffermann: „So etwas können wir heute alles in 3D darstellen.“) zeigt?

Die Bürger wollten etwas ganz anderes hören: Jasmin Garlipp aus Bostelbek zum Beispiel fragte – nicht zum ersten Mal – nach den kumulierten Lärmwerten von Autobahn und Eisenbahn, Isabel Wiest aus Rönneburg fragte, ob es tatsächlich vier unterschiedliche Planfeststellungsverfahren für die vier Bauabschnitte der A26-Ost geben wird, was die Bürgerbeteiligung erheblich komplizierter machen werde und Harald Köpke wollte wissen, warum man die A26 nicht über vorhandene und geplante Gewerbegebiete wie den Logistikpark an der Autobahnanschlussstelle Harburg führe.

Und dann kam Rainer Böhrnsen aus Moorburg, von den Behörden gefürchteter und respektierter Kritiker von Infrastrukturprojekten, und stellte fest: „Das ist doch eine Gespensterdebatte!“ Da war es wieder, das Gespenst Hafenquerspange! „Die Spange wird sich schnell für immer erledigen“, sagte Böhrnsen. Ständig nach unten korrigierte Prognosen für die Umschlagszahlen des Hamburger Hafens und die Tatsache, dass die A26-Ost bisher nicht auf der Liste für den „vordringlichen Bedarf“ im Bundesverkehrswegeplan auftaucht, ließen ihn zu diesem Schluss kommen.

Die Entscheidung, welche Verkehrsprojekte als „vordringlicher Bedarf“ eingestuft werden, fällt aller Voraussicht im Herbst. Franke: „Wir hoffen, dass die A26-Ost dabei ist.“ Am Anfang des Abends hatte das noch anders geklungen. Da hatte Franke über die Autobahn gesagt:  „Der Tanker ist auf den Weg gebracht. Das lässt sich auch nicht mehr ändern. Der Tanker wird Mitte des nächsten Jahrzehnts sein Ziel erreichen.“ ag

Veröffentlicht 2. Juli 2015