150622LueHarburg – Die Geschichte des Einzelhandels müsste neu geschrieben werden, sollte sich die alte Tante Lü gegen das Phoenix-Center behaupten. Gegen ein wetterfestes

Einkaufscenter mit bald 130 und mehr Geschäften, einem kundenorientierten  Branchenmix, gemeinsamem Marketing, einheitlichen Öffnungszeiten und mehr als 1000 Parkplätzen hat eine in die Jahre gekommene Fußgängerzone mit Best-of-the-rest-Läden und einer unsäglichen Immobilien-Ruine als Kulisse wenig Chancen. Da helfen auch eine engagierte Netzwerkerin wie Citymanagerin Gitte Lansmann, das mit einem Etat von mehr als einer Million Euro ausgestattete Business Improvement District und ein „Standortberater“ wenig, der auch schon für den Phoenix-Center-Betreiber ECE gearbeitet hat.

So ist die Lage. Das kann man beklagen, es wird nichts ändern. Was jetzt versucht wird, ist allenfalls Kosmetik. Das ist wahrscheinlich noch besser, als die LÜ sich selbst zu überlassen. Dies alles muss vorausgeschickt werden, wenn über eine Halbjahresbilanz des BID Lüneburger Straße und von Norbert Radszat berichtet werden soll, der „against all odds“ neue Geschäfte in die Fußgängerzone holen soll. Das ist ihm in zwei Fällen gelungen. Den Vodafone-Shop hatte er allerdings schon beim letzten Tätigkeitsbericht im Wirtschaftsausschuss der Bezirksversammlung vor einem halben Jahr bilanziert. Neu hinzugekommen ist jetzt noch eine Berufskleidungsladen des Harburger Traditionsgeschäfts Kock & Sack. Außerdem war Radszat in vier weiteren Abschlüssen „begleitend“ tätig.

Macht er seine Arbeit gut? Sind das BID-Team und Radszat ihr Geld wert? Immerhin stehen allein für die Geschäftsakquise rund eine Viertel Million Euro zur Verfügung. Es muss allerdings auch ein extrem dickes Brett gebohrt werden. Nahezu ein Jahrzehnt gab es in der Lüneburger Straße wenig Gemeinsamkeit. Die Grundeigentümer schienen wie gelähmt auf das Phoenix-Center zu starren. Und jetzt kommt Radszat und behauptet: „Neun von zehn Grundeigentümern fühlen sich von Politik und Verwaltung in Stich gelassen.“ Die Hilferufe seien geflissentlich überhört worden. Zum Beispiel sei man  taub gewesen, wenn es um die großen Bäume in der Einkaufsstraße gehe. Radszat: „Die müssen weg!“ Dunkelheit und Taubenschiss seien nicht gut für die Geschäfte.

Das Urteil der Ausschussmitglieder über Radszats Wirken fällt überraschend zwiespältig aus. Vor allem Gudrun Schittek von den Grünen lobt seine Arbeit, und auch FDP-Mann Carsten Schuster ist offenbar zufrieden. Während sich die GroKo-Vertreter verhalten positiv äußern, kommt von der Linken und von den Neuen Liberalen heftige, zum Teil sehr persönliche  Kritik. Fraktionsvize André Lenthe von der Linken wirft Radszat vor, „völlig ohne Konzept“ vorzugehen. Die Neue Liberale Anna-Lena Bahl vermisst ebenfalls einen Plan, mäkelt an Radszats „Tonlage“, Fraktionskollegin Isabel Wiest schüttelt fast ununterbrochen mit dem Kopf. Sie schlägt vor, Radszat solle inhabergeführte Läden, von denen es in Harburg ja eine Reihe gebe, überreden, in die Fußgängerzone zu gehen. Das ist allerdings nicht zu Ende gedacht. Soll Renate Schneider etwa ihre wunderbare Buchhandlung in der Meyerstraße aufgeben und in der Lü untergehen? In Heimfeld wäre es dann zumindest an dieser Ecke noch öder.

Wie geht’s weiter? Nachdem der österreichische Investor René Benko mit dem Versuch gescheitert ist, die Kaufhof-Häuser zu kaufen  und zusammen mit den Karstadt-Häusern einen schlagkräftigen deutschen Kaufhauskonzern zu schmieden, werden die Karten neu gemischt. Schon breitet sich bei Karstadt in Harburg neue Unruhe aus. Für die Angestellten wäre das Aus eine Katastrophe. Ein Harburger Immobilienexperte: „Da würde mit Sicherheit etwas Neues entstehen. Wir haben in Harburg keinen Nachfrage-Mangel. Wir haben nach wie vor einen Angebots-Mangel!“

Oder bringt Primark die Rettung für die Lü?  Eine Delegation des irischen Billig-Textilers hat sich längst in Harburg umgesehen und soll auch schon ganz dezidiert gesagt haben: „Da wollen wir hin!“ Nach Informationen von harburg-aktuell.de wäre das ein Standort mitten in der Lü. Dafür müssten einige Läden verschwinden, einige Gebäude abgerissen werden. Primark braucht mindestens 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Aber die Sache hakt: Ein Eigentümer soll kein Interesse an einem Verkauf haben. ag