139926MahnmalHarburg – Es wäre besser für Harburg, wenn über den Tagesordnungspunkt 29 der Bezirksversammlung keine Zeile veröffentlicht würde. Denn es war beschämend,

in welcher Weise ein Antrag zu einem der bekanntesten und meist diskutierten Kunstwerke aus den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erledigt, überwiesen und wohl auf Nimmerwiedersehen versenkt wurde.

Das „Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt – für Frieden und Menschenrechte“ steht am Harburger Ring, am Eingang zum Fußgängertunnel, der den Sand mit dem Rathausplatz verbindet.

Dort wurde die zwölf Meter hohe Bleisäule 1986 aufgestellt, um dann nach dem Konzept des Künstlerpaars Esther und Jochen Gerz in acht Schritten allmählich im Erdboden, in diesem Fall in einem gemauerten, nahezu fensterlosen Raum zu versinken. Vorher hatten Passanten die Möglichkeit, Kommentare in der Bleiummantelung der Stele zu verewigen.

Heute erinnert nur noch eine Informationstafel an die Stele, das kleine Fenster in der Tür ist verkratzt und verschmiert. Der Blick hinein lässt nur noch erahnen, was sich in dem Raum verbirgt. Der Rest ist Dreck, Kraut und Taubenkot. Anlass für den pensionierten Studiendirektor, ehemaligen Leiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Wilstorf und heutigen Bezirksabgeordneten der Grünen Jürgen Marek genug, einen Antrag in der Bezirksversammlung zu stellen. Seine Petitum: Die Verwaltung wird gebeten, ein Konzept zur Umfeldgestaltung und zur besseren Wahrnehmung des Mahnmals gegen den Faschismus (...) und seinen zugrunde liegenden Ideen zu entwickeln und im Ausschuss für Kultur, Bildung, Sport und Stadtteilentwicklung vorzustellen.“

Und nun wird es peinlich: Die SPD-Fraktion hat diesem Antrag nicht zugestimmt. Stattdessen hat sie ihn mit ihrer Mehrheit zur weiteren Beratung in den Fachausschuss überwiesen. Fraktionsvize Heinz Beeken hat das so begründet: „Wir haben noch Fragen an den Künstler.“ Welche das sind, hat Beeken nicht verraten. Etwa wie man den Taubenkot entfernt? Bei ein wenig mehr Respekt vor den Künstlern und diesem besonderen Mahnmal hätte sich der Abgeordnete, der ja auch Vorsitzender des Kulturausschusses ist, besser vorbereiten können.

Dabei wäre er auch auf ein immer noch aktuelles Interview mit Jochen Gerz gestoßen. Dort sagt der Künstler: „ Ich frage mich, ob die Stadt generell so mit ihrem öffentlichen Raum umgeht wie mit diesem Ort in Harburg. Wenn sich Harburger Bürger für Pflege und Erhalt des Mahnmal gegen Faschismus engagieren wollen, bin ich natürlich glücklich. Leider kann sich das Mahnmal nicht selber pflegen und erhalten." Noch Fragen?

Beeken hatte noch ein zweites Argument: So ein Konzept koste ja auch Geld. Da müsse man erst einmal über die Finanzierung beraten. Gegenfragen: Wie kann man über eine Finanzierung beraten, wenn es noch nicht einmal ein Konzept gibt? Was erwartet Beeken denn von so einem Konzept? Zunächst geht es doch wohl darum, dem Mahnmal einen würdigen Auftritt ohne Dreck, Kraut und Taubenkot zu ermöglichen. Wie das geschehen könnte? Damit muss sich der Fachausschuss wirklich nicht beschäftigen. Da wird „die Verwaltung“ – also das Bezirksamt – schon Rat wissen.

Im Übrigen: Warum ist Beeken eigentlich nicht auf die Idee gekommen, dem Kulturbeirat mit einzuschalten und ihn zu bitten, Ideen im Sinne des Marek’schen Petitums zu entwickeln? Es gibt diesen Beirat, das hat die Bezirksversammlung so beschlossen. So wie die meisten Bezirksabgeordneten allerdings mit diesem Beirat umgehen, ist er eher das Feigenblatt, das die Scham über ihre Verständnislosigkeit verdecken soll. Beeken sieht die Schuld vermutlich bei Heiko Langanke, dem Sprecher von SuedKultur. Er soll in den Sitzungen des Kulturausschusses das Feigenblatt spielen, will aber nicht artig über dieses Stöckchen springen.

Das dritte Argument gegen den Antrag der Grünen erwähnte Beeken nicht, war vermutlich aber entscheidend: Der Antrag kam von der falschen Partei. Das könnte man gelten lassen, wenn es um einen Papierkorb an der Außenmühle ginge. Aber nicht bei einem Mahnmal gegen Faschismus. ag