120922HakverdiHarburg – Er hat es geschafft! Die SPD jubelt. Metin Hakverdi ist der neue Harburger Bundestagsabgeordnete, er tritt damit die Nachfolge von Herbert Wehner

und Hans-Ulrich Klose an. Für den 44 Jahre alten Rechtsanwalt aus Wilhelmsburg schien die Kandidatur anfangs fast eine Nummer zu groß zu sein. Er saß zwar in der Hamburger Bürgerschaft, war dennoch nur wenigen bekannt, zudem war nicht klar, ob ein Kandidat mit türkischem Namen (Hakverdis Vater ist Türke, seine Mutter Mecklenburgerin) in Harburg, Wilhelmsburg und auch in Bergedorf schon Normalität ist.

Dazu kam noch der „Makel“, nur mit denkbar knapper Mehrheit als SPD-Kandidat des Wahlkreises aufgestellt worden zu sein. Schließlich hatte die CDU mit Ex-Senatorin Herlind Gundelach eine respektable Kandidatin ins Rennen geschickt.

So gesehen hat Hakverdi den Wahlkreis nicht nur gewonnen, er hat triumphiert. Mit 40,4 Prozent der Erststimmen hat er nicht nur das Ergebnis von Hans-Ulrich Klose (39,3) bei der Bundestagswahl 2009 überboten, er hat auch das beste Ergebnis aller Hamburger Direktkandidaten geholt. „Es war eine Herkulesaufgabe, aber wir haben es geschafft!“, sagte Hakverdi bei einer kurzen Stippvisite in der Harburger SPD-Parteizentrale im Herbert-Wehner-Haus. In diesem Moment freuten sich wohl alle.

Das war in den vergangenen Wochen und Monaten nicht immer so. Hakverdis Kandidatur gegen den Harburger Kreisvorsitzenden und stellvertretenden Hamburger Landesvorsitzenden der SPD Frank Richter war sicher gelebte Demokratie, sie hat allerdings auch erkennbar den Graben zwischen Harburger Genossen tiefer gemacht. Schon jetzt fürchtet der eine oder andere Harburger Bürgerschaftsabgeordnete um sein Mandat, falls das Hakverdi-Lager nach dem eindrucksvollen Triumph „durchregiert“. Die ersten Machtproben sind schon in den kommenden Wochen zu erwarten, wenn die Kandidaten für die Wahlen zur Bezirksversammlung aufgestellt werden.

Zu klären sind in naher Zukunft nicht nur Personalfragen. Wie die Bundespartei müssen sich auch die Harburger Genossen fragen, wie es inhaltlich weitergehen soll. „Aus der SPD sind zwei Parteien ausgegründet worden, die Grünen und die Linke“, sagt der langjährige ehemalige Kreisvorsitzenden Harald Muras. Das müsse man erst einmal verkraften. Um nicht in der Falle zu sitzen, weil sie nur mit bestimmten Parteien koalieren wolle, müsse die SPD auch ihr Verhältnis zur Linken klären. Muras: „Am sinnvollsten wäre es, wenn die hessische SPD morgen erklärt, sie wolle eine rot-rot-grüne Koalition versuchen.“ Dann werde es zwar eine Woche Aufregung geben, das lege sich auch wieder. Und dann werde sich auch innerhalb der Linken einiges zurechtruckeln.

Nach der Bezirkswahl im kommenden Mai könnte sich für die Harburger SPD schon die Koalitionsfrage stellen. Eine absolute Mehrheit über mehr als eine Legislaturperiode zu verteidigen, schafft wohl nur die CSU. Aber Harburg ist nicht Bayern. Ob die FDP die nächste Wahl in Harburg übersteht oder ob sie völlig in der Versenkung verschwindet, ist nicht klar. Außerdem scheint man die Liberalen nicht besonders zu mögen: Nie war am Wahlabend der Jubel im Herbert-Wehner Haus größer, als die erste Prognose das Aus für die FDP ankündigte.

Also Rot-Grün in Harburg? Eigentlich eine romantische Traumhochzeit, aber gerade auf kommunaler Ebene hängt viel von der „Chemie“ zwischen den Handelnden ab. Und da gibt es in der Harburger SPD zurzeit durchaus Zweifel. Mit Kay Wolkau, der im Frühjahr dem verstorbenen Fraktionschef der Grünen Ronald Preuß folgte, werden die Genossen nicht so richtig warm. „Der ist zwar lieb und nett“, sagt ein aktueller SPD-Bezirksabgeordneter. „Aber nun muss er auch mal eine Richtung vorgeben.“ Nur mit den Themen „Tempo 30“ und „Radfahren“ sei noch kein Staat zu machen.

Die Linke scheint zurzeit noch „unberührbar“ zu sein – zumal dort mit Sabine Boeddinghaus eine Ex-Genossin eine führende Rolle spielt. Ob eine Zusammenarbeit mit der Linken innerhalb der Harburger SPD mehrheitsfähig wäre? Das könnte man ja mal klären. ag