Harburg - Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) werden in Hamburg bis 2035 rund 162 000 Menschen mehr leben als heute. Dann wird die Einwohnerzahl

fast zwei Millionen betragen. Harburg ist neben Bergedorf der Bezirk, in dem Flächen für das Wachstum vorhanden sind und der absehbar überproportinal gefordert ist. harburg-aktuell hat mit Thomas Völsch ein Interview geführt, bei dem Bezirksamtsleiter seine Position zu dem bereits in den kommenden Jahren stark wachsenden Bezirk Harburg darstellt.

Wie steht man als Bezirksamtsleiter zu der Prognose?
Thomas Völsch: "Ich finde es toll, dass Hamburg wächst. Ich hatte einmal das Vergnügen in einer meiner Positionen in Deutschland herum zu kommen. Da habe ich Städte gesehen, die geschrumpft sind. Das ist nicht hübsch. Eine wachsende Stadt ist besser. So anstrengend das auch sein mag. Insofern sollten wir uns freuen, falls es so ist. Allerdings ist Die Prognose nun auch nicht wieder so aufregend. Ich nehme da mal die Zahlen von Harburg. In den letzten fünf Jahren ist der Bezirk um etwa 10.000 Einwohner gewachsen. Da muss man rund 3000 Flüchtlinge einrechnen. So bleibt ein Zuzug von 7000 Menschen. Wir haben in dem Zeitraum etwa 5000 Wohnungen genehmigt. Zwar sind noch nicht alle fertig, aber es passt. Wenn man sich selbst die Frage stellt, ob man diesen Bevölkerungsanstieg in Harburg gemerkt hat, kommt man wahrscheinlich zu dem Ergebnis, dass es nicht so ist. Harburg hat seinen Charakter als grüner, teilweise ländlicher Bezirk dadurch auch nicht verloren. Deshalb würde ich sagen, dass es nicht so aufregend wird, wie manche annehmen. Die Bevölkerungsprognose geht für Hamburg davon aus, dass es bis 2037 einen Bevölkerungsanstieg von knapp zehn Prozent geben wird. Ich glaube, wenn man das ordentlich macht, bekommt man das in der Stadt hin, ohne dass sie ihren Charakter verliert. Wir sind im Moment die mit Abstand am dünnsten besiedelte Millionenstadt Europas."

Was bedeutet das konkret für Harburg?
Thomas Völsch: "Bezogen auf Harburg haben wir alle zwei Jahre ein Wohnungsbauprogramm, bei dem die Potenzialflächen identifiziert werden. Das heißt nicht, dass Wohnungsbau auf jeder dieser Flächen realisiert wird. Da haben wird 2017 ein Potenzial von 1700 Wohneinheiten. Kommendes Jahr werden es fast 2000 sein., 2019 dann 1100. 2020 knickt das ein bisschen auf 865 und 2021 dann 2300 wieder. Da sind dann die Fischbeker Wiesen mit drin. Da sind in den kommenden Jahren ein paar Großprojekte dabei.  Aber viele das, was man Kleinkram nennt. Das ist auch das spannende. Ich habe mir das mal rückblickend angeschaut. Die 5000 Wohnungen, die wir in den letzten fünf Jahren genehmigt haben, enthalten eigentlich nur zwei größere Projekte mit dem Vogelkamp und dem Binnenhafen. Das bedeutet, dass mindestens 3500 dieser 5000 Wohneinheiten verteilt entstanden sind. Das ist eher so ein Hintergrundrauschen. Es passiert sowieso. Da wird ein Einzelhaus abgerissen und es entstehen zwei, drei neue Häuser. Da werden wie in der Denickestraße 200 Wohnungen abgerissen und 300 neue gebaut. Nach vorn geschaut bedeutet dass, das es zwar anstrengend wird, aber nicht so dramatisch auf das Stadtbild auswirken wird."

Menschen brauchen nicht nur Wohnungen, sondern auch Infrastruktur. Wie sieht es damit aus?
Thomas Völsch: "Das ist genau der Punkt. Ich glaube, dass wir in dem Bereich viel mehr tun müssen und es die viel größere Herausforderung sein wird. Das ist ja die komplette Bandbreite. Meist wird ja über Kitaplätze oder Ärzte diskutiert. Aber es geht tatsächlich um viel mehr. Um Schulen, Polizei, Feuerwehr und natürlich Verkehr, um ÖPNV. Die S-Bahn ist richtig voll. Man braucht Straßen. Busverbindungen, auch die richtigen Querverbindungen. Das wird noch die deutlich größere Herausforderung. Es wird natürlich Geld kosten. Die Bahnstrecke ist vorhanden. Das ist das kleinere Problem. Man kann über zusätzliche Haltepunkte nachdenken. Aber was den Straßenausbau und auch Busverbindungen angeht, wird es auf jeden Fall Widerstände geben. Das trifft auch auf bestimmte Infrastrukturprojekte in Wohngebieten zu. Wir haben zwar bislang keine Klagen gegen Kitas. Aber wenn man mal die größeren neuen Wohngebiete nimmt. Wenn dort beispielsweise ein neues Ärztehaus geplant ist, was ja mit Verkehr verbunden ist, kann ich mir durchaus vorstellen, dass es in solchen Fällen Widerstand gibt."

Widerstand gegen Infrastrukturporjekte, das sieht man in Harburg, gibt es eigentlich immer. Wie will man das angehen?
Thomas Völsch: "Man muss frühzeitig mit den Leuten reden. Anders wird es nicht gehen. Die Stadt muss auch an ein paar Stellen mutiger werden. Wir waren mit einer Delegation in Wien. Dort werden auf einem ehemaligen Militärflughafen rund 20.000 Wohnungen entstehen. Dort wurde als erstes eine U-Bahn dorthin gebaut, ohne, dass auch nur einer dort gewohnt hat. Das ist eine mutige Entscheidung, von der man lernen kann. Wichtige Infrastrukturentscheidungen müssen angeschoben werden bevor die Menschen kommen."

Wird die Entwicklung auch Auswirkungen auf das Planungsrecht haben?
Thomas Völsch: "Ja. Muss es. Wir haben beispielsweise im Vogelkamp reines Wohngebiet. Da kann man befreien. Das wird aber immer schwierig. Man muss in Zukunft darauf achten, dass man keine Ausschlüsse produziert. Eine Arztpraxis beispielsweise in einem reinen Wohngebiet geht nicht."

Es dauert aber meist sehr lang. Muss das so sein und sind alle bislang Beteiligten nötig?
Thomas Völsch: "Das alle nötig sind, würde ich bejahen. Ob das aber alles immer so lange dauern muss, da kann man getrost ein Fragezeichen setzen. Für eine schnelleres Verfahren kann die Stadt aber auch selbst etwas tun. Beispielsweise auf die Beteiligten Einfluss nehmen, auf die sie Einfluss hat. Das betrifft beispielsweise auf Einwände zu. Die müssen früh benannt werden. Wir haben dann ein klar geregeltes Verfahren, wie man Konflikte löst. Das geht bis zu einer Lösung durch die Senatskommission, der der Bürgermeister vorsteht. Dort wird auch entschieden. Und zwar relativ schnell."

Welche Chancen bieten sich für die Harburger Innenstadt?
Thomas Völsch: "Wir leiden ja unter dem Fluch der guten Tat. Das ist die gute Anbindung Harburgs an die Hamburger Innenstadt. Das ist natürlich für ein Unterzentrum wie Harburg ein Problem.Eine solche Verkehrsanbindung zieht die Leute aus Harburg und auch aus dem Umland nach Hamburg. Die Entwicklung ist für die Harburger Innenstadt dennoch eine Chance. Das Potenzial wird da sein. Man wird es für sich gewinnen müssen."

Welche Perspektive hat das Gewerbe im Bezirk?
Thomas Völsch: "Worauf man seinen Blick richten muss, ist die Entwicklung entlang der großen Magistralen. An der B73 ist noch Potenzial. Das muss nicht kein Wohnungsbau sein. aber für Gewerbliche Nutzung kann man es in den Fokus stellen. Dort ist noch richtig Luft nach oben. Wir werden uns Gedanken machen müssen, was wir dort machen wollen. Man kann beispielsweise noch in die Höhe gehen. Da werden wir rangehen. Wir erstellen gerade ein neues Gewerbeflächenprogramm. Ohnehin wird es die spannende Frage sei, wo ich Arbeitsplätze schaffe. Die Menschen, die nach Hamburg kommen wollen ja auch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Da muss man natürlich auch mal neu denken. Das wird nicht so die ländlichen Bereiche, sondern mehr die innerstädtischen Bereiche des Bezirks betreffen. Wir werden uns überlegen müssen, wo man sinnvoll in die Höhe gehen kann. Wir müssen auch über die sinnvolle Nutzungen miteinander kombinieren. Es ist ja nicht gesagt, dass gewerbliche und Wohnnutzung völlig miteinander ausschließen. Auf der Schlossinsel haben wir eine Kita in einem Wohngebäude. Das verträgt sich nach meinem Eindruck wunderbar miteinander. Ich kann mir auch Sportnutzungen auf Dächern vorstellen. Da darf man gern einmal ein bisschen spinnen und unkonventionell darüber nachdenken, wie ich das was ich brauche oder möchte platzsparend unterbringe."