160916BahnhofHarburg – Was ist nur in Harburg los? Wenn sich irgendwo mal ein bunte Knospe zwischen den Pflastersteinen herauswagt, wird es von eifrigen Mitarbeitern des Bezirksamts sofort

wieder zertreten. Die Technische Universität als Keimzelle wirtschaftlichen Wachstums? Ja! Aber Stellwerk, Inselklause oder Beachclub als Keimzelle einer neuen kreativen Identität für das einstige Schmuddelkind Harburg? Nein! Mit viel Fantasie wird das meiste im Keim erstickt.

Jüngstes Beispiel: Dem Stellwerk, Hip-Hop-, Jazz- und Party-Hochburg im Harburger Bahnhof, geht die Luft aus. Gewürgt von Bundespolizisten, die bei allem Lärm von untendurchdonnernden Erzzügen laute Musik von oben nicht mehr ertragen wollen. Gewürgt von einer Bahn AG, die sich kaum noch der Verantwortung für das Gemeinwohl verpflichtet fühlt. Und  (wenn es stimmt, was die Leute vom Stellwerk erzählen) gewürgt von einem Bezirksamt, das bei Kafka in die Schule gegangen sein muss. Weil die Polizisten, die unter dem Stellwerk ihre Diensträume haben, genervt sind, ist das Stellwerk mit einigen Veranstaltungen auf die benachbarte Gepäckbrücke im Bahnhof ausgewichen. Aha, sagt also das Bezirksamt, aha, die haben also die Fläche vergrößert. Da schauen wir doch gleich einmal in den Vorschriften nach.  Und siehe da: Es fand sich eine Vorschrift, um mal wieder eine Knospe zu zertreten. Größere Fläche heißt mehr Toiletten! Noch einmal 20.000 Euro für Toiletten investieren? „Haben wir nicht“, sagt Stephan Röhler vom Stellwerk.

Außerdem muss noch ein Lärmgutachten für die Gepäckbrücke her. Und ein Statikgutachten. Röhler: „Wenn wir das nicht irgendwie vom Tisch kriegen, ist Ende des Jahres Schluss. Es geht nicht mehr.“ Ob die Jungs vom Stellwerk dann noch eines der wenigen echten Vorzeige-Projekte, nämlich die Wall of Fame für Graffiti-Künstler, weiter betreuen können, steht noch in den Sternen.

Vom Bezirksamt gab es gestern noch keine Reaktionen. Man wird aber auf bestehende Vorschriften pochen. Bei dieser Gelegenheit fällt einem doch ein Argument von CDU-Vize Rainer Bliefernicht ein, als es um den Neubau der Firmenzentrale eines Marmstorfer Baunternehmens ging. Da mussten einige Vorschriften ignoriert werden. Bliefernicht damals: „Der Chef hat so viel für Marmstorf getan, da kann man schon mal ein Auge zudrücken.“ Es geht also. Man muss nur wollen.

Ralf-Dieter Fischer, Vorsitzender des neuen Harburger Kulturausschusses, hörte gestern Abend am Rand des Stadtplanungsausschusses zum erstenmal von der jüngsten Entwicklung rund um das Stellwerk. Sagte dann aber: „Wenn das so stimmt, bitten wir die Verwaltung doch einmal in den Ausschuss und lassen uns darüber berichten.“  ag