120606GrabsteinHarburg - Da sind die Knöllchenspezialisten vom Bezirklichen Ordnungsdienst (BOD) voll in die Fettecke getreten. Die Angestellten der Stadt haben auf dem Alten Friedhof an der Bremer Straße die Installationen von Karin Boine, eine Art beschriftete Hussen, die über Grabsteine gestülpt sind, entfernt. Beim BOD wittert man Störung der Totenruhe. Tatsächlich sind die beschrifteten Hutzen Teil des temporären Kunstpfades, dessen krönendes Endstück die auf die Außenmühle verlegte Alsterfontäne ist. Ernsthaft: Es läuft ein Verfahren. Das Malheur muss kurz vor der offiziellen Begehung passiert sein, an der neben den Künstlern auch Bezirksamtsleiter Thomas Völsch und viele feinsinnige Kunstfreunde Harburgs teilnahmen. Statt der Hussen sahen sie auf dem Alten Friedhof  nur blanke, alte Grabsteine. „Die Künstlerin war am Boden zerstört“, erinnert sich Museums-Direktor und Teilnehmer Prof. Dr. Rainer Maria-Weiss. Zunächst wurde davon ausgegangen, dass die Kunst purem Vandalismus zum Opfer fiel.

Das Helms-Museum versuchte zu retten, was zu retten ist. Schildchen mit bereits gemachten Fotos der Hutzen sollten Ersatz sein. Sie waren schon fertig, als der Anruf der Polizei kam. Dort hat man offenbar etwas mehr Kunstsinn als die beiden BOD-Mitarbeiter, die im Beisein einer Praktikantin die „Grabschändungen“ dokumentierten, die Hussen sicherstellten, zur Polizei schleppten und dort Anzeige erstatteten. „Wie haben hier ein paar Laken“, so ein Beamter der Wache zum Museums-Direktor. Mittlerweile sind die Grabsteine wieder behusst.

Für Karin Boine dürfte der BOD-Patzer ein echter Glücksfall sein. Zumindest regional dürfte sie damit eng mit dem 1986 verstorbenen Ausnahmekünstler Joseph Beuys in Verbindung gebracht werden. Dessen Kunstwerk Fettecke war 1986 in der Kunstakademie „weggeputzt“ worden. 1973 hatte man eine von ihm mit Heftpflastern und Mullbinden zum Kunstwerk gemachte Badewanne geschrubbt. 1986 war es der Hausmeister der Kunstakademie und 1973 zwei Genossinnen vom SPD-Ortsverein Leverkusen-Alkenrath, die die Wanne bei einer Partei-Party zum Spülen der Gläser benutzten. Mit diesen beiden Fällen ist auch wieder Harburgs BOD in guter Gesellschaft.

Was allerdings echt peinlich bleiben dürfte ist die doch etwas unausgeprägte Ortskenntnis. Der Friedhof an der Bremer Straße ist schon lange kein Friedhof mehr, auf der man die Ruhe der Toten stören könnte. Er ist seit Jahren eine öffentliche Park- und Grünanlage. zv