Harburg – Montagabend im großen Sitzungssaal des Harburger Rathauses: Der Stadtplanungsausschuss tagt, auf der Tagesordnung stehen Themen

wie der Neubau am Westrand des Sands, das neue Verwaltungsgebäude am Neugrabener Bahnhof und das Bezirkswohnungsbauprogramm. Anwesend sind rund 15 Bezirkspolitiker, ein paar Verwaltungsvertreter und eine Handvoll Bürger.

Ende der Sitzung, die meisten verlassen den Saal, gehen nach Hause. Jetzt beginnt noch die Öffentliche Plandiskussion „Wilstorf 37“, dabei  geht es um den Rewe-Markt an der Winsener  Straße, die benachbarte Tankstelle, deren Tage gezählt sind und um viele neue Wohnungen. Wie viele gebaut werden, steht noch nicht fest, sie werden aber auf 30.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche verteilt werden. Das ist wirklich eine ganze Menge.
Wird das Interesse der Bürger wieder ebenso gering sein wie in der Ausschusssitzung? Die Tür öffnet sich, es dauert fünf Minuten, da ist jeder Platz besetzt, aus einem Nebenraum werden weitere Stühle hereingeschleppt. Gut 100 Bürger sind gekommen, darunter eine Handvoll Gelbwesten. Werden sie Rabatz machen?

Nein, es geht erstaunlich sachlich zu. Die Konfliktlage ist schnell klar, wie bei so vielen vorangegangenen Öffentlichen Plandiskussionen (kurz: ÖPD). Gekommen sind nämlich wie immer nicht die Leute, die eine Wohnung suchen und jetzt erfahren wollen, ob sie hier eine Chance haben. Gekommen sind vielmehr die Bürger, die hier schon wohnen und die jetzt realisieren, dass sie alle ein wenig zusammenrücken müssen. Viele von ihnen wohnen in einer Straße mit dem vielsagenden Namen „Eigenheimweg“. Seit sie sich ihr Häuschen zusammengespart haben, leben sie wirklich in guter Lage, in der Nähe die Außenmühle, gut abgeschirmt von der Verkehrsader, die sie schnell „in die Stadt“ oder „nach Hamburg“ bringt  und die ihre Nahversorger beherbergt.

Nun wird Nahversorger Rewe abgerissen und modernisiert, die Tankstelle verschwindet, dafür entstehen blöckeweise Wohnungen, in bis zu fünf Etagen. „Mir kommt es vor, als würden wir eingemauert“, sagte ein Anwohner mit Gelbweste. Ein anderer wird konkreter: „Die neuen Häuser in meiner Nachbarschaft sind so hoch, dass die Leute mir direkt auf die Terrasse blicken können.“ Ein anderer Anwohner will wissen, wie die Planer verhindern wollen, dass Leute von dem neuen öffentlichen Weg fremde Menschen in seinen Garten eindringen. Einer der Architekten rät ihm, einen Zaun zu ziehen. Darauf der Anwohner, eine Spur erregter: „Das können Sie von mir nicht verlangen.“
Eine andere Anwohnerin, wieder eine mit Gelbweste, sieht ein großes Defizit der Planung. Hier würden neue Wohnungen gebaut, aber an die Infrastruktur habe niemand gedacht. Es sei doch klar, dass die neuen Nachbarn auch für mehr Verkehr auf den Straßen sorgen würden: „Und hier ist jetzt schon alles dicht.“

Jetzt sagt aber Hans Christian Lied, Harburgs oberster Stadt- und Landschaftsplaner, etwas, was die Leute denn doch verblüfft: „Gerade, weil wir in Zukunft weniger Verkehr haben wollen, bauen wir neue Wohnungen. Würden wir sie draußen vor den Toren der Stadt bauen, würde das mehr Verkehr generieren, denn die Leute müssen ja auch irgendwie in die Stadt kommen. zv