Harburg - Wenn die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer vom Kriseninterventionsteam (KIT) an der Tür klingeln, ist im Leben

eines Menschen etwas Schreckliches geschehen. Sie sind da, um unmittelbar Betroffenen in Ausnahmesituationen zur Seite zu stehen, leisten die so genannte "psychosoziale Notfallversorgung". Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das jedoch nur noch mit Mundschutz und Abstand möglich. Kann das funktionieren? Silke Ludwig vom KIT des DRK Hamburg-Harburg schildert, wie ihre ehrenamtliche Tätigkeit sich verändert hat.

Mal kurz die Hand auf die Schulter legen oder sich dicht neben jemanden setzen, der weint . . . Für Silke Ludwig und ihre etwa 50 Kollegen im DRK-Kriseninterventionsteam war das bis Mitte März 2020 ein ganz normaler Teil ihres Einsatzes. Zum Beispiel, wenn die Polizei einer Familie die Nachricht vom plötzlichen Tod der Mutter oder des Vaters überbringen muss und die KIT-Ehrenamtlichen danach in der Wohnung blieben, um "Erste Hilfe für die Seele" zu leisten, bis die Situation sich stabilisiert hatte und weitere Hilfe organisiert war.

"Unsere Aufgabe ist durch Corona natürlich schwieriger geworden. Wir mussten uns umstellen, aber das ist mittlerweile gut gelungen", erklärt Silke Ludwig. Gespräche mit Maske etwa sind nicht mehr so irritierend wie zu Beginn. "Man kann auch viel über die Augen steuern oder über den Tonfall." Trotzdem ist hohe Konzentration gefragt: "Ich muss vor Ort beides gleichzeitig im Kopf haben: Abstand halten, mich und andere schützen - und trotzdem so etwas wie Nähe aufbauen."

Besonders in Erinnerung geblieben ist der 50-jährigen Hamburgerin ein Einsatz in den ersten Wochen der Pandemie, bei dem ein Motorradfahrer verunglückt war. "Der Augenzeuge, den wir betreuten, saß in einem Feuerwehrbus an der Unfallstelle. Wir standen auf Abstand außerhalb des Wagens vor der Seitentür, hinter uns eine mehrspurige Fahrbahn, auf der die Autos vorbeirasten." Unter anderen Voraussetzungen hätten die KIT-Helfer viel ruhiger mit dem Mann reden können. "Es war dennoch gut, dass wir da waren", meint Silke Ludwig, die seit 2017 im DRK-Kriseninterventionsteam aktiv ist und wie alle Kolleginnen und Kollegen mindestens zwei 24-stündige Bereitschaftsdienste im Monat übernimmt.

"Die Zahl unserer Einsätze ist jetzt ebenso hoch wie vor Corona. Sie liegt bei etwa 30 im Monat", erklärt Malte Stüben, der das KIT ehrenamtlich leitet. Obwohl das Team im Frühjahr 2020 für knapp fünf Wochen nur sehr eingeschränkt und vor allem mit Betreuungen am Telefon tätig war, weist die gerade vorgelegte Jahresstatistik kaum weniger Einsätze aus als im Vorjahr: 345 Alarmierungen gab es insgesamt, 921 Menschen in akuter seelischer Not wurden betreut. 2019 waren es 365 Alarmierung - ein Höchststand seit der Gründung vor gut 20 Jahren - und 1.123 Betreute. Drei von vier Einsätzen erfolgten nach Anforderung durch die Polizei Hamburg.

Nur selten nimmt die Öffentlichkeit von den KIT-Einsätzen Notiz. Zu den Ausnahmen gehörte etwa der Tod einer 16-Jährigen auf einer privaten Party nach dem Konsum von Ecstasy im September 2020. Das KIT war da, als die Polizei die Familie des Mädchens benachrichtigte, und betreute Jugendliche, die bei der Party anwesend waren. Mit der globalen Pandemie und dem damit verbundenen monatelangen Festsitzen von Schiffsbesatzungen im Hafen hatte ein Einsatz zu tun, bei dem Seeleute nach dem Suizid eines philippinischen Arbeitskollegen betreut wurden.

"Wir können nicht ändern, was im Leben der Betroffenen passiert ist. Die meisten sind in einem absoluten Chaos, wenn wir bei ihnen sind. Doch durch unsere Hilfestellung werden sie wieder handlungsfähig - und das ist das wichtigste Ziel unserer Arbeit", sagt Silke Ludwig, die als Chemisch-Technische Assistentin beim Landeskriminalamt arbeitet. Einige der Betreuten bedanken sich später bei ihr und ihren Kollegen, "aber das erwarte ich nicht". Zu ihr passe dieses Ehrenamt: "Wir erleben die Menschen in einer Extremsituation, sind in dieser kurzen Zeit für sie da. Die kontinuierliche Begleitung von Betroffenen wäre nichts für mich." Fast immer sind mindestens zwei Ehrenamtliche gemeinsam vor Ort und tauschen sich später untereinander aus. Für die Betreuten sinkt das Risiko von langfristigen traumatischen Schäden deutlich.

Finanziert wird die Arbeit der ehrenamtlichen KIT-Helfer durch Spenden. Informationen unter www.kit-hamburg.de oder per Telefon unter 040 / 76 60 92-69.