Harburg - Der Wirtschaftverein sieht durch die Corona-Krise gerade den Mittelstand in Gefahr.

Hohe Hürden, und viele Regeln lassen viele gut gemeinte Maßnahmen der Politik ins Leere laufen. harburg-aktuell hat mit Franziska Wedemann, Vorsitzende des Wirtschaftsvereins, und ihrem Vertreter, Arnold G. Mergell gesprochen.

Wie ist die Situation?

Franziska Wedemann: "Die Coronapandemie stellt die Welt, unsere Gesellschaft aber auch die Wirtschaft vor noch nie dagewesene Herausforderungen.  Viel wurde seitens der Politik bereits für die Unterstützung der Wirtschaft angekündigt und umgesetzt. Das begrüßen wir, das finden wir gut, und dafür danken wir allen Beteiligten."

Arnold G. Mergell: "Leider wurde die Bazooka zwar mit reichlich Munition versorgt und durchgeladen. Aber der Abzug klemmt. Die zugesagten Hilfen für den Mittelstand, also für die Unternehmen, die kleiner als Konzerne, aber größer als Einzel- und Kleinstunternehmen sind, kommen nicht bei den Unternehmen an."

Woran liegt das?

Franziska Wedemann: "Die KFW übernimmt das Kreditausfallrisiko in Höhe von 90 Prozent. Die restlichen 10 Prozent sollen die Hausbanken tragen. Diese müssen aber aufgrund der verschärften Regulatorik dieselben Verfahren durchführen, die auch bei einem 100prozentigen Kreditausfallrisiko im Normalfall erfolgen müssen. Das kostet Zeit, die die mittelständischen Unternehmen nicht haben."

Arnold G. Mergell: "Viele Mittelständler haben Ihre Jahresabschlüsse 2019 noch nicht fertig. Die Banken arbeiten bereits jetzt an der Kapazitätsgrenze und können die Flut an Anträgen nicht regelkonform und auch noch zeitnah abarbeiten. Das bleibt der Mittelstand auf der Strecke. Für Großkonzerne gibt es den Stabilisierungsfonds, für Kleinstunternehmer Zuschüsse. Beides ist bereits genehmigt und die Länder zahlen teilweise bereits aus. Beide Instrumente sind nicht rückzahlbar. Für den Mittelstand dagegen, also auch ganz konkret für Franziskas und mein Unternehmen, aber auch viele unserer Mitgliedsbetriebe aus Handwerk, Industrie und Dienstleistung, sind derzeit zum einen nur Kredite vorgesehen, die zu einem späteren Zeitpunkt zurückgezahlt werden müssen. Zuschüsse für den Mittelstand sind bislang nicht geplant. Der Mittelstand geht damit also mit einer Belastung in die Zeit nach Corona, die – nach Rückkehr zur Normalität bei den Unternehmen noch lange in den Bilanzen hängen wird, und die weitere Investitionsdarlehen mit einem schlechteren Rating erschweren wird. Vor der verschlechterten Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Marktteilnehmern mit nicht rückzahlbaren Zuschüssen ganz zu schweigen. "

Franziska Wedemann. "Aber damit nicht genug. Dem Mittelstand wird eine schnell und unkomplizierte Kreditvergabe durch regulatorische Hemmnisse faktisch versagt. Bei unveränderten Rahmenbedingungen wird die Liquidität, wenn überhaupt, zu spät bei den Unternehmen eintreffen. Daher ist es dringend und zwingend erforderlich, dass die KFW das Kreditausfallrisiko zu 100 Prozent übernimmt und damit den Hausbanken ermöglicht, die erforderlichen Liquiditätshilfen schnell und schlank durchzuleiten. Eine funktionierende Lösung wären unbürokratische Liquiditätshilfen mit einer 100prozentigen Haftungsfreistellung und der Option eines späteren Teilerlasses, beispielsweise durch eine´Rückzahlverpflichtung von 60 Prozent. Hier ist der Bundesminister der Finanzen verantwortlich. Wir fordern Herrn Scholz auf, die dafür notwendigen Voraussetzungen umgehend zu schaffen."

Arnold G. Mergell: "Sehr gern betonen auch unsere Politiker, wie einzigartig und unverzichtbar die mittelständischen Unternehmen, wozu ich ausdrücklich auch das Handwerk zähle, für die Wirtschaft dieses Landes ist. Jetzt besteht die einmalige Chance, dies auch zu beweisen."