150606WohnschiffHarburg – Der Schrecken sei groß gewesen, als im August 2014 die Nachricht verbreitet wurde, das Wohnschiff „Transit“ werde im Harburger Binnenhafen festmachen.

„Die tolle Eigenschaft einen tidefreien Hafen zu haben, hatte uns dafür prädestiniert“, sagte Gorch von Blomberg, Bootsbaumeister, Vorstandsmitglied der KulturWerkstatt und vieles mehr bei der traditionellen Podiumsdiskussion im TuTech-Gebäude zum Auftakt des Binnenhafenfests. Was ist daraus geworden? Hat sich der Schrecken gelegt? Wie geht’s weiter? Viele Fragen, gut, dass sie immer wieder gestellt werden, dass darüber diskutiert wird und dass es auch Antworten gibt.

Noch besser aber, dass sich Moderator Frank Ilse, Harburg-Redaktionsleiter des Hamburger Abendsblatts, nicht stur an die überfrachtet wirkenden Vorgaben hielt, die für fünf Diskussionsabende gereicht hätten. So entwickelte sich alsbald ein Dialog zwischen Podium und Publikum. Endlich mal eine Diskussion mit Erkenntnisgewinn. Die wichtigste Erkenntnis: Die Leute aus dem Binnenhafen sind zusammengerückt. Von Blomberg: „Jetzt reden Menschen miteinander, die früher nicht miteinander geredet haben.“ Und obwohl die „Transit“ , die so dringend benötigt wurde, auf Grund von haarsträubenden Nachlässigkeiten der federführenden Behörde erst mit 70 (statt 220) geflüchteten Menschen belegt ist, gibt es im Binnenhafen gelebte Willkommenskultur. Darüber redet man selbst „in Hamburg“ schon. Dr. Ferdaouss Adda, Völkerkundlerin, Romanistin, Politologin und im Elbcampus, dem Bildungszentrum der Handwerkskammer, Koordinatorin für Integration und Sprachförderung, erinnerte daran, welch unterschiedliche Erfahrungen  die Geflüchteten gemacht hätten, dass sie zum Teil traumatisiert seien, dass man ihnen Zeit geben müsse und dass für alles vor allem wichtig sei, dass sie an dieser Gesellschaft, in der sie jetzt leben, teilhaben können.

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Der Kanalplatz mit dem Wohnschiff. Foto: zv

Deshalb  seien jetzt viele Harburger unterwegs, um den Menschen privat zu helfen, sagte Doris Wache, Diplom-Farbdesignerin und Mitglied des ersten Harburger Integrationsbeirats. „Wenn ich die Leute nach ihren Hobbies frage, antworten alle: Deutsch lernen“, sagte Wache. Sie berichtete von der Online-Initiative „Flüchtlinge willkommen“, die WG-Plätze für Geflüchtete vermittelt. Wache: „Das sind doch die besten Voraussetzungen für Teilhabe: schon morgens beim Frühstück Deutsch reden und anschließend Müll trennen.“

Müll trennen und der vergebliche Versuch, eine Fahrradwerkstatt mit Flüchtlingen zu gründen – Stichworte für Julian Petrin, Stadtplaner, Gründer des Bürger-Stadt-Labors „Nexthamburg“ und des Stadtentwicklungsbüros „urbanista“: „60 bis 70 Prozent unserer Energie verschwenden wir damit, Vorschriften zu erfüllen. Wir sind eine Gesellschaft der Regeln.“ In den Ländern, aus denen die Menschen geflüchtet seien, hätten sie mit viel weniger Regeln durchsetzen müssen. Deshalb hätten sie andere Kompetenzen entwickelt, die hier nun plötzlich nicht mehr gefragt seien. Petrin: „Vielleicht sollten wir mal ein Stadtlabor für andere Formen der Regelungen versuchen.“ Noch so eine Erkenntnis dieses Abends!

Für Hans Lied, neuer Stadt- und Landschaftsplaner im Bezirksamt Harburg, gab es vorher eine Menge Fragen. Zum Beispiel: Hat die städtebauliche Entwicklung im Binnenhafen Einfluss auf den urbanen Prozess im Bezirk Harburg? Darüber wurde an diesem Abend aber nicht diskutiert, so blieb Lied der Hinweis, dass Stadtplaner eben nur die Randbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen können, dass es deshalb auch einen gehörigen Anteil von Sozialwohnungen im Binnenhafen geben werde.

„Und wie sieht der Binnenhafen in fünf Jahren aus“, fragte Ilse zum Abschluss. Hans Lied: „Noch mehr Wohnungen, hoffentlich auch noch Hafenbetriebe und noch mehr innovative Betriebe. Und einige Flüchtlinge, die hier eine Wohnung gefunden haben.“ Dr. Ferdaouss Adda: „Die Harburger Willkommenskultur ist Vorbild für Hamburg. Und die Flüchtlinge sind  nicht mehr Menschen mit Migrationshintergrund, sie sind dann Harburger.“  Gorch von Blomberg: „Wir sind immer noch Einwandererstadt, und wir wissen, wie wir damit umgehen. Dafür sind wir dann bekannt.“ Doris Wache: „Ich hoffe, dass wir dann in einem syrischen Restaurant in der Fischhalle von Werner Pfeifer essen können.“ Julian Petrin: „Im Binnenhafen werden 2400 Menschen leben, 80 Prozent davon sind Zugewanderte. Sie werden ein lebendiges Quartier mit vielen kleinen Läden schaffen. Und dahinter gibt’s einen Beachclub.“ ag

Veröffentlicht 6. Juni 2015