141111addiHarburg – Natürlich war es ein Scherz: Adolf Brockmann soll schon irgendwo in der Harburger Innenstadt gesessen und auf einer Schreibmaschine  vom Typ „Gabriele“ herumgehackt

haben, lange bevor 1973 die erste Ausgabe der Harburger Rundschau, der Regionalausgabe des Hamburger Abendblatts erschienen war, lange bevor die Redaktion ihr erstes Büro am Lüneburger Tor bezog. Ein Scherz, vorzustellen war es trotzdem. Brockmann kannte nur zwei Aggregatzustände: schlafen und schreiben, zwischendurch Nahrungsaufnahme, dies und das. Er konnte die ganze Rundschau  voll schreiben, an einem Vormittag. Eight days a week. Der ewige Addi – aber das hat sich nicht bewahrheitet. Addi Brockmann ist am vergangenen Sonnabend im Hospiz am Blättnerring gestorben. Er wurde 69 Jahre alt und hinterlässt drei erwachsene Kinder.

Lobhudelei und Rummel um seine Person mochte er überhaupt nicht, doch es muss mal gesagt werden: Als Journalist war Brockmann ein Vorbild. Er war immer fair, die Fakten stimmten und das, was er schrieb, war schon wegen seiner großen Allgemeinbildung für jeden Leser eine Bereicherung. Vor allem, wenn es um Galerien und Theater ging. Das war sein Metier. Genug! Mehr Anerkennung hätte Brockmann nicht vertragen. Das wäre ihm peinlich gewesen. Und wenn einer doch weitermachte wurde er ruppig, gelegentlich auch rabiat. Einmal, wirklich nur einmal, flog sogar eine Kaffeetasse durch die Redaktion. Mit Kaffee.

Er war auch Pedant. Fehler duldete er nur, wenn sie in Flüchtigkeit passiert waren. Fehler zu wiederholen duldete er nicht. So konnte er zum Schrecken von Praktikanten und Volontären werden, wenn diese wiederholt eine verkehrte Ortszeile verwendet oder gar einen Straßennamen nicht korrekt geschrieben hatten. Oder wenn sie „in Finkenwerder“ geschrieben hatten. Als Brockmann angefangen hatte zu schreiben, war dieser Stadtteil noch eine Insel, also musste es „auf Finkenwerder“ heißen. Praktikanten und Volontäre wagten erst wieder zu lachen, wenn Brockmann sich mal bei einer Formulierung vergaloppiert hatte. Einmal begann er den Text über einen Kochkursus für Männer so: „ Was machen Männer, wenn ihre Frauen verreist sind? Sie nehmen sich ein halbes Hähnchen mit nach Hause.“ Erst schmunzelten nur die Kollegen, dann auch Brockmann.

Privates hat er selten erzählt. Dass er Menschen half, die in Not geraten waren, und ihnen sogar mal ein Auto schenkte, hielt er nicht für erwähnenswert. Immerhin soll er sogar niedersächsischer Jugendmeister im Kugelstoßen gewesen sein. Aber solche Fakten mussten die Kollegen schon aus ihm herausquetschen. Ganz offensichtlich war dagegen, dass er sich gerne und überwiegend von Cola light und Mettbrötchen ernährte. Wenn „Grünzeug“ zur Dekoration auf dem Mett lag, wurde es entfernt. Tipps für eine gesunde Ernährung hielt er für überflüssig. Urlaub? Überflüssig. Einmal behauptete er: „Ich bin gegen alles immun, sogar gegen Radioaktivität.“

Und dann war er plötzlich krank. Es haute ihn um. Kaum hatte sich Brockmann wieder aufgerappelt,  folgte der nächste Schlag. Der neue Chefredakteur brauchte ihn nicht mehr, stellte ihn frei, bot ihm eine Abfindung an, wenn er von sich aus kündigte. Gnadenlos. Das hat Brockmann nie verwunden. Er ging nie wieder in seine Redaktion, ließ sogar seine persönlichen Sachen auf dem Schreibtisch zurück. Nicht ein einziges Wort der Anerkennung für knapp vier Jahrzehnte Arbeit im Verlag gönnte man ihm. Das beklagte er bis zum Schluss.

Die Wertschätzung, die er so sehr vermisste, fand er, als er vor zwei Wochen ins Hospiz kam. Dort kümmerte man sich um ihn. Für ein paar Tage ging es ihm spürbar besser. Die alte Bissigkeit kam zurück. Eine Bekannte, die ihn am Krankenbett besuchte, begrüßte er mit den Worten: „Du bist aber auch grau geworden.“ Heilung gab es für ihn nicht mehr. ag