141014EisHarburg - Der Hollywood-Streifen "The Day after Tomorrow" beschreibt ein düsteres Kälte-Szenario: Der Golfstrom bleibt aus und sorgt für einen Absturz der Temperatur

in Europa. Doch die Entwarnung kommt jetzt aus Harburg: Der Golfstrom wird nicht abreißen - „The Day after Tomorrow“ bleibt Hollywood-Fantasie.

Die Eisschmelze in der Arktis hat kaum Einfluss auf den Golfstrom. Zu diesem Fazit kommt Dr. Mirjam Glessmer, Mitarbeiterin der Technischen Universität Hamburg-Harburg, in ihrer Studie „Atlantic origin of observed and modelled Nordic Seas freshwater anomalies“, die in der Nature Geoscience veröffentlicht wurde. In ihrer vorherigen Position als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bergen, Norwegen, untersuchte die Ozeanographin mit einem Team von Forschern den Salzgehalt in den nordischen Meeren und konnte so die Meeresströmungen rekonstruieren.

Der Salzgehalt in den nordischen Meeren nimmt seit 1950 ab - ein Zeitpunkt ab dem auch die Eisschmelze in der Arktis verstärkt bemerkt wurde. Diese scheinbare Kohärenz führte zu Besorgnis auf Seiten der Klimaforscher: Sie nahmen an, das Schmelzwasser der Arktis, sprich Süßwasser, ströme in die nordischen Meere und senke deren Salzgehalt. Dies hätte schwerwiegende Konsequenzen: Ist der Salzgehalt im Meer zu gering, kann sich eine Eisschicht auf der Oberfläche bilden und die Tiefenwasserströmungen lassen nach. Im Fall der nordischen Meere hätte dies Einfluss auf den Golfstrom, der abreißen könnte, und der damit verbundene Wärmetransport daraufhin stoppen würde. Die Konsequenz wäre ein Kälteszenario, wie es in dem Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ dargestellt wird.

Doch so weit wird es nach neuesten Forschungsergebnissen nicht kommen: Glessmer und ihr Team werteten Messdaten ab 1950 aus, nahmen neue Wasserproben und bestimmten die Temperatur und den Salzgehalt. Sie unterteilten die nordischen Meere in Regionen, übertrugen die Messdaten und verglichen Muster. Schließlich erstellten die Wissenschaftler ein Modell, das zeigt, wie die Meeresströmungen tatsächlich verlaufen. Ihr Ergebnis ist ein Durchbruch in der Klimaforschung: Anders als angenommen, stammen die Süßwasseranomalien in den nordischen Meeren zum Großteil nicht aus der Arktis - sondern aus dem Nordatlantik.

Salziges, aber weniger salziges Wasser als im Mittel, strömt vom Atlantik in den Norden und führt dort zu einer Art Verdünnung, die den Salzgehalt sinken lässt. „Der Klimawandel führt zu einem Temperaturanstieg in der Arktis und Grönland und somit zu mehr Schmelzwasser“, sagt Glessmer. „Das Schmelzwasser fließt auch in die nordischen Meere, allerdings ist der Einfluss auf den mittleren Salzgehalt viel kleiner als bisher angenommen.“ Das Schmelzwasser bleibt in einem Randstrom, der an der grönländischen Küste Richtung Süden verläuft. Das Süßwasser kommt nicht in die relevanten Regionen und es bildet sich auch keine Eisschicht wie im „Day after Tomorrow“ dargestellt. Ein Ausbleiben des Golfstroms und ein Abstürzen der Temperatur in Europa sind daher nicht zu erwarten.  (cb)