140929HafenHarburg – Eigentlich ist alles gesagt. Und doch ist es der KulturWerkstatt hoch anzurechnen, dass sie zu ihrem traditionellen Hafenfrühstück eingeladen und die

Unterbringung der Flüchtlinge in Harburg zum Thema gemacht hat. Auch aus eigener Betroffenheit, denn direkt vor ihrer Haustür macht wahrscheinlich ein 110 Meter langes und elf Meter breites Wohnschiff für 200 Männer, Frauen und Kinder festmachen – sozusagen ein Hochhaus, nur dass es flach liegt und schwimmt.

Mehr als 100 Leute waren der Einladung gefolgt, und da der Sommer sich noch nicht hat vertreiben lassen, wurde draußen gefrühstückt, auf Klappstühlen und den Steintreppen des neu gestalteten Kanalplatzes. So hatte das alles Forums-Charakter, einen Hauch von antiker Demokratie.

Die Fakten sind in den vergangenen Wochen rauf- und runtergebetet worden, die meisten wissen, dass die Stadt nach der letzten Flüchtlingswelle in den 90er-Jahren nicht nachhaltig gewirtschaftet hat und in den „Nuller“-Jahren fast alle Unterkünfte wieder abgebaut, dass jetzt einige Tausend Plätze fehlen, dass bei der Planung einiges schief gelaufen ist (ohne dass die Chefs der jeweiligen Behörde dafür zur Rechenschaft gezogen werden) und dass die Menschen nicht in Zelten auf ihre amtliche Anerkennung als Flüchtlinge warten sollen.

Und doch brachte das Frühstück weitere Erkenntnisse – zum Beispiel, dass alle die Harburger, die sich in den vergangenen Wochen vor allem auf Facebook ausgetobt hatten, die ihre Abneigung oder gar Angst vor Fremden offen aussprachen und die auch nicht davor zurückschreckten, mit Halbwahrheiten und wilden Spekulationen Stimmung zu machen, sie alle meldeten sich nicht zu Wort. Oder waren sie gar nicht erst gekommen? Nur einer  mit schwarz-rot-gelber Mütze „wagte“ zu fragen, was denn für deutsche Obdachlose getan werde. Dass in den meisten Flüchtlingsunterkünften auch Obdachlose Platz finden, wusste er nicht. Sie müssen sich dort aber auch melden.

Die Frühstücksgäste vom Kanalplatz, darunter einige Anwohner von der Schlossinsel, treibt eine ganz andere Sorge um: „Wie sollen denn die Leute auf den Schiffen betreut werden? Wer kümmert sich um traumatisierte Kinder aus den Kriegsgebieten? Wie können Ehrenamtliche helfen?“, fragte einer. Viele Fragen, wenig Antworten. Die Nachbarn der Unterkunft Wetternstraße können ein Lied davon singen. Ihre Bitte nach einem Raum, in dem sie ohne „behördliche Aufsicht“ mit Flüchtlingen und Wohnungslosen ins Gespräch kommen und mögliche Konflikte friedlich lösen können, ist ihnen bisher verweigert worden. Nun überraschte der Harburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Sören Schumacher mit der Nachricht, dass der Senat für ehrenamtliche Helfer 400.000 Euro zur Verfügung stelle. Außerdem werde er sich dafür einsetzen, dass diese Summe noch erhöht werde. Überzeugend war dieser kurze Versuch, in das Hafenfrühstück schon mal ein bisschen Wahlkampf einzuspeisen, allerdings nicht. Als Zweifel an einer Aufstockung der Summe laut wurden, tönte Schumacher: „Ja, ich werde das entscheiden.“ Wird er eben nicht, diese Entscheidung trifft die Sozialbehörde, möglicherweise in Absprache mit SPD-Fraktionschef Andreas Dressel. Schumacher kann dann höchstens entscheiden, ob er mit oder gegen seine Fraktion stimmt.

Wie auch immer: Manuel Sarrazin, Harburger Bundestagsabgeordneter der Grünen, Bezirksamtsleiter Thomas Völsch und Dirk Poschmann, Chef der Harburger Wasserschutzpolizei und Moderator Gorch von Blomberg von der KulturWerkstatt blieben wohltuend sachlich. Völsch hatte sogar Neues für Anwohner und Geschäftsleute rund um den Schwarzenberg: Das Bezirksamt informiert am Mittwoch, 1. Oktober, 18 Uhr im Hauptgebäude der Technischen Universität über die Pläne für eine Flüchtlingsunterkunft auf dem Schwarzenberg. ag