140116IwonaHanneloreHarburg – Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen soll den Nachbarn der Wohnunterkunft Wetternstraße, des Containerdorfs Lewenwerder und

der geplanten Zentralen Erstaufnahme für Flüchtlinge in der Post am Harburger Bahnhof die Sorge genommen werden, die bisher nur vereinzelt aktenkundig gewordenen Straftaten in ihrem Umfeld könnten zunehmen. Das war an einem Runden Tisch besprochen worden, an dem unter anderem auch Innensenator Michael Neumann Platz genommen hatte.  Die SPD-Fraktion bittet jetzt die gesamte Bezirksversammlung in einem Antrag für die Sitzung am Dienstag, 28. Januar, um Unterstützung.

Die Gründung von Bürgerinitiativen lohnt sich – vor allem dann, wenn die Beteiligten bereit Kompromisse einzugehen und nicht darauf beharren alle Forderungen durchzusetzen. Diese Erfahrung haben die Leute von der Vogteistraße und der Jägerstraße gemacht. Und jetzt auch die Nachbarn der Wohnunterkunft Wetternstraße.

Es hatte dort immer wieder Ärger gegeben, besonders „Fremdschläfer“ und Drogendealer verbreiteten ein Gefühl der Untersicherheit, vereinzelt kam es auch zu Straftaten. Für die Führung des Polizeikommissariats 46 war das kein Grund zur Aufregung, in ihren Statistiken konnte sie keinen Kriminalitätsschwerpunkt erkennen. Mit ihrer gefühlten Unsicherheit mussten die Anwohner alleine klar kommen.

Dann änderte sich die Lage innerhalb von Monaten. Erst wurden im Industrie- und Gewerbegebiet Lewenwerder Wohncontainer für mehr als 100 Flüchtlinge aufgestellt, dann erschien plötzlich ein Staatsrat und verkündete, in der Post am Bahnhof werde eine Zentrale Erstaufnahme (ZEA) eingerichtet. Auch wenn so getan wurde, dass es sich nur um einen  Plan handelte: Die Entscheidung für diesen Standort war längst gefallen . Und genau dieser Eindruck hat die Laune der Anwohner nicht gerade gebessert.

„Wir waren entsetzt darüber, mit welcher Ahnungslosigkeit diese Entscheidung getroffen wurde“, sagt Anwohnersprecherin Iwona Mazurkiewicz, die in den 90er-Jahren selbst als Flüchtling nach Hamburg gekommen und in der ZEA an der Sportallee untergebracht war. So habe Staatsrat Volker Schiek erst vor Ort in Harburg gemerkt, dass die drei Unterkünfte in einem Umkreis von nur  300 Metern liegen.

Auch vorher hatte es Entscheidungen gegeben, die nicht gerade das Vertrauen der Anwohner gefördert haben. In einer früheren Sitzung des Runden Tischs war zum Beispiel versprochen worden, die maroden Gebäude der Unterkunft Wetternstraße durch neue Wohnhäuser zu ersetzen. Dort sollten dann vorrangig Familien untergebracht werden – was auf der Website des Unterkunftsbetreibers „Fördern & Wohnen“ längst Realität war. In Wirklichkeit sind in der Wetternstraße nahezu ausnahmslos allein stehende Männer untergebracht, Flüchtlinge, Obdachlose und eine erhebliche Zahl von entlassenen Strafgefangenen, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben. Der Bauantrag war  gestellt, doch dann machte „Fördern &Wohnen“ einen  Rückzieher. Kein Geld!

Gespart wird auch an Betreuern, die Flüchtlingen, Obdachlosen und Ex-Strafgefangenen helfen, an unserer Gesellschaft teilzuhaben. Wenn Not am Manne (sic!) war, sind gelegentlich auch die Anwohner eingesprungen –allen voran Iwona Mazurkiewicz und ihre eifrigste Mitstreiterin Hannelore Gebhardt. Sie halfen ihren Nachbarn, wo sie nur konnten. Mal traf man sich zum Klönschnack, mal nahmen sie auch mal Bewohner der Unterkünfte bei sich auf, nachdem sie dort bedroht und geschlagen worden waren, mal stellten sie sich mit männlicher Hilfe zwischen eine Gruppe von Streithähnen, die sich vor ihrer Haustür um ein paar Handys geprügelten.

Trotzdem gab (und gibt) es vereinzelt auch Politiker, die es sich leicht machen und nur auf eine ungeschickte Formulierung warten, um dann alle Nachbarn der Unterkunft in die rechte Ecke zu stellen und möglicherweise sogar als Rassisten zu brandmarken. Den Anwohnern war immer versprochen  worden: Wenn ihr die zweite Unterkunft Lewenwerder in eurer Nachbarschaft akzeptiert, wird es garantiert keine weitere Einrichtung in der Nähe geben. Dann kam der Staatsrat...

Trotz allem blieb man im Gespräch und  setzte sich noch einmal an den Runden Tisch. Auch wenn Iwona Mazurkiewicz den Eindruck hatte, dass die Vertreter von „Fördern &Wohnen“ die Anwohner inzwischen nur noch als Störenfriede empfinden, war das Treffen offenbar konstruktiv. Den Anwohnern war von vornherein klar, dass sie keine der Unterkünfte verhindern können, ein paar Kompromisse haben sie doch erreicht.

So soll es eine gemeinsame Begehung der Gegend zwischen Phoenix-Center und Wetternstraße geben, um mögliche „dunkle Ecken“ ausfindig zu machen. Klar ist jetzt schon, dass der Neuländer Platz und der Bahnhofstunnel besser ausgeleuchtet werden müssen. Außerdem sollen rund um die Post Spiel- und Begegnungsflächen für Kinder und Jugendliche geschaffen und für alle Sprachkurse und Beratung angeboten werden. „Wir sind auf der Suche nach einer neuen Willkommenskultur“, sagt SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath. „Die Harburger sind traditionell sehr sozial eingestellt. Die fragen nicht lange, wenn Menschen in Not sind. Da helfen sie einfach.“ Hier und da gibt es tatsächlich schon Überlegungen, die Flüchtlinge zu begleiten und ihnen helfen, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. So wie es die Nachbarn der Unterkunft Wetternstraße längst tun. Und Aziz Aygün, der neue Distriktsvorsitzende der SPD Harburg-Mitte hat angekündigt, vier Stunden in der Woche für die Flüchtlinge da zu sein. ag