130502VogteiRönneburg - Heute Abend muss die SPD-Fraktion eine wichtige Entscheidung treffen: Was wird aus Harburgs Straßenzwitter, der weder eine echte Tempo-30-Zone noch

eine Hauptverkehrsstraße ist? Auf dem Papier sind Vogteistraße und Jägerstraße zwar verkehrsberuhigt, de facto sind sie indes eine stark genutzte Pendlerroute zwischen Harburg und Meckelfeld mit einer gehörigen Beimischung von Lkw und Bussen. Die Harburger SPD steht hier in einer besonderen Verantwortung – nicht nur weil sie in der Bezirksversammlung mit einer Stimme Mehrheit alles allein entscheiden kann. Sie war auch in den 90er-Jahren am Ruder, als mit einer halbherzigen Entscheidung für Tempo 30 die Grundlage für den aktuellen verkehrspolitischen Murks geschaffen wurde. Außerdem war die Verkehrsplanung der Hamburger SPD in knapp einem halben Jahrhundert Regierungsverantwortung immer nur Stückwerk. Ein schlüssiges Verkehrskonzept für den Hamburger Süden gibt es jedenfalls bis heute nicht.

Auf den ersten Blick ist die Entscheidung leicht. Vor Wochen hatte der SPD-Distrikt Harburg-Ost die Anwohner in den Rönneburger Hof geladen, um sie „mitentscheiden“ zu lassen. Die Stimmung dort schien ziemlich klar: Für den Erhalt der Tempo-30-Zone, der Vorfahrtsregelung Rechts-vor-Links und der beiden Ampeln, für die „Verfestigung“ der provisorischen Einengungen und für eine auffälligere „Eingangssituation“ am Anfang der Tempo-30-Zone gab es eindrucksvolle Mehrheiten –  jeweils eingefordert von den Hauptakteuren der Anwohnerinitiative und vom SPD-Distriktsvorsitzenden Torsten Fuß.  Als die Anwohner auch noch eine Tonnagebeschränkung für Lkw forderten, versuchte Fuß sie noch zu bremsen. Trotzdem: Auch über diese Forderung wurde abgestimmt. Klar, dass es eine große Mehrheit gab.

Neutrale Beobachter wunderten sich an diesem Abend allerdings darüber, dass zu Beginn Michael Dose (SPD), Vorsitzender des Harburger Verkehrsausschusses, als Versammlungsleiter vorgestellt wurde, dieser dann jedoch sehr zurückhaltend agierte. So bestimmten Torsten Fuß, vor allem jedoch Isabel Wiest, Sprecherin der Anwohnerinitiative, und ihr Mann Gunther das Geschehen.

Es ist kein Geheimnis, dass Dose, aber auch andere Mitglieder der SPD-Fraktion wie ihr Vorsitzender Jürgen Heimath durchaus die Beschwerden der lärmgeplagten Anwohner verstehen. Sie betonen aber auch, dass die Bezirksversammlung Entscheidungen für den gesamten Bezirk treffen muss. Und genau diese Haltung ist an jenem Abend im Rönneburger Hof noch gestärkt worden, denn Isabel und Gunther Wiest hatten fast gebetsmühlenartig ihre Forderungen wiederholt: „Echtes Tempo 30 und Verdrängung des Durchgangsverkehrs.“

Und wohin mit dem Durchgangsverkehr? Wird die Fahrt durch Jägerstraße und Vogteistraße richtig unattraktiv, löst sich der Verkehr nicht in Luft auf. Er wird sich andere Wege suchen, zum Beispiel durch den Meckelfelder Weg. Dort gibt es längst eine Anwohnerinitiative, seit in der morgendlichen Rushhour Kinder auf dem Schulweg verunglückt sind.

Die Befürchtung ist offenbar nicht aus der Luft gegriffen. Im Rönneburger Hof waren auch Anwohner aus der Radickestraße, die nicht das große Wort führten, in kleiner Runde aber berichteten, welche Auswirkungen die bislang noch provisorischen Einengungen in der Jägerstraße haben: „Bei uns hat der Verkehr spürbar zugenommen.  Gerade die Lkw-Fahrer meiden die Jägerstraße.“

Aber auch in der Vogteistraße gibt es offenbar andere Meinungen. Inzwischen haben sich mehrere Anwohner im Bezirksamt, aber auch bei harburg-aktuell gemeldet. Ihre Namen sind uns bekannt, sie bitten aber darum, die Namen nicht zu nennen. Einer sagt: „Wenn man hier mal eine abweichende Meinung äußert, wird man gleich dumm angekuckt. Das ist dann ein Spießrutenlaufen.“ Er vermutet sogar, dass „Abweichler“ nicht über das Treffen im Rönneburger Hof informiert worden sind. „Ich habe jedenfalls davon nichts mitbekommen.“

Ein anderer Anwohner (auch sein Name ist uns bekannt) schreibt: Ich wohne in der Vogteistrasse - also keine 100 Meter vom Rönneburger Hof entfernt. Gerade hier sind die künstlichen Inseln mehr schädlich als nützlich. Auf diesem Stück gibt es keine Parkbuchten über die notfalls ausgewichen werden kann.  Und selbst die Haltestelle Küstersweg hat keine Busbuchten, die Linie 141 müsste immer auf der Straße halten. Wenn denn noch ein bestimmter Anwohner eins seiner Autos trotz diverser Garagen und Stellplätze auf dem eigenen Grundstück an der Straße abstellt, geht da gar nichts mehr.  Das hat auch zur Folge, dass einige Autofahrer anfangen zu hupen – und das nervt mehr als ein Lkw nachts um 4 Uhr.“

Torsten Fuß blickt inzwischen auch wieder über den Tellerrand und verweist auf einen nicht mehr ganz frischen Beschluss seines Distrikts. Demnach soll es für Jägerstraße und Vogteistraße nur dann deutliche bauliche Veränderungen geben, wenn dies zugleich auch im Meckelfelder Weg geschieht. Eine Straße solle nicht zu Lasten einer anderen unattraktiver für den Durchgangsverkehr gemacht werden. In dem Beschluss steht allerdings nichts über die Kosten für so eine Doppel-Maßnahme. ag