120901MosesHarburg - Nun hat endlich mal einer Klartext geredet. Als Christoph Schwarzkopf vom Hamburger Denkmalschutzamt zum ersten Mal die neue Lärmschutzwand entlang der Eisenbahn quer durch die Harburger Innenstadt erblickte, glaubte er „den antifaschistischen Schutzwall“ – gemeint ist die Berliner Mauer – vor sich zu haben. Bei seinem Vortrag „Die Harburger Innenstadt – Die Suche nach städtebaulicher Identität“, der wegen des starken Andrangs in den großen Helms-Saal verlegt worden war, kritisierte der Denkmalschützer die Wand scharf: „Das kann doch nicht ernst gemeint sein.“ Da bemühten sich die Politiker seit Jahren, die Trennung zwischen Innenstadt und Binnenhafen möglichst aufzuheben. Und dann das!

Tatsächlich hat die Bahn AG mit jahrelanger Verspätung ihre Pflichten in Sachen Lärmschutz erfüllt, städteplanerisch ist die Wand eine Katastrophe. Jetzt ist die Trennung zwischen dem heutigen Harburger Zentrum und seinen historischen Ursprüngen auch optisch besiegelt. Außerdem dürfte sich die Harburger SPD auch mit der Erfüllung eines wichtigen Punkts ihres aktuellen Wahlprogramms schwer tun. Dort heißt es unter anderem: Wir wollen, dass das Zentrum Harburgs entlang der alten Siedlungsachse Schloßstraße – Schloßmühlendamm wieder zusammenwachsen kann, damit sich hier eine einladende Erlebnismeile und eine neue Harburger Mitte entwickelt.“ Ähnliche Forderungen hatte die heutige Opposition.

Dabei waren die Politiker gewarnt. Als vor rund zwei Jahren über die Verlegung der Eisenbahn in einen Tunnel diskutiert wurde, standen dieser Vision nicht nur die extrem hohen Kosten im Weg. Da die Eisenbahnstrecke zwischen Fluttor in Bostelbek und dem Harburger Bahnhof wegen der zulässigen Maximalsteigungen nicht weit genug in der Erde verschwinden könnte, würde der Tunnel in Höhe Harburger Schloßstraße Ecke Schloßmühlendamm noch einige Meter (allerdings nicht so viel wie die Lärmschutzwand) hoch in der Gegend herumstehen. Das lehnten alle  Politiker ab. CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer damals: „Das würde die Trennung zwischen Innenstadt und Binnenhafen noch verstärken.“

Auch aus dem Bezirksamt gab es offenbar keinen Widerstand gegen die Lärmschutzwand der Bahn. Als in der Planungsphase der Vorschlag gemacht wurde, die Wand transparent zu gestalten, damit man wenigstens den Durchblick hatte, erwiderte Carl-Henning von Ladiges, Chef des Harburger Amts Stadt- und Landschaftsplanung: „Wände aus Glas oder einem ähnlichen Material reflektieren den Schall statt ihn zu schlucken. Das würde also nichts bringen.“ Aber warum hat sich das Bezirksamt nicht gegen die Wand gewehrt? Hängt das etwa mit der geplanten Verlagerung des gesamten Binnenhafen-Durchgangsverkehrs auf den Straßenzug Karnapp Ecke Seevestraße zusammen? Laut Gutachten müssen die Anwohner mit wesentlich mehr Straßenlärm rechnen. Da sich aber der Eisenbahnlärm „dank“ der Wand verringert hat, bliebe unter dem Strich alles wie vorher.

Vor einigen Tagen haben Unbekannte nun auch noch die Lärmschutzwand mit dem Schriftzug „Moses & Taps“ verziert – allerdings nicht sehr gekonnt. In der Graffiti-Szene sind die beiden selbst ernannten „Internationalen Topsprayer“ Kult. Moses und Taps waren schon einige Jahre als Sprayer unterwegs, bis sie sich 2007 zusammentaten und das Projekt „1000 Züge in 1000 Tagen“ in Angriff nahmen. Wer es nicht glaubt, dass sie das geschafft haben: In diesen Tagen erscheint ihr Buch „International Topsprayer“, in dem alles dokumentiert ist. mz