120829RednerHarburg -Die Rede von Bildungssenatorin Dorothee Stapelfeldt zur Einweihung des neuen TU-Hauptgebäudes dürfte bald in Vergessenheit geraten, das gilt auch für die launigen Worte von TU-Präsident Prof. Garabed Antranikian. Nachhaltig wirken könnte aber der eindrucksvolle Beitrag des 2. AStA-Vorsitzenden Dominik Pöltl. Er hatte den Festgästen unter anderem vorgerechnet, warum sich Investitionen in die Bildung lohnen – auch für den Finanzsenator. Damit seine Worte nicht in Vergessenheit geraten, dokumentiert harburg aktuell mit Genehmigung von Dominik Pöltl die komplette Rede:

 

„Liebe Studierende, sehr geehrte Frau Senatorin, sehr geehrter Professor Antranikian, sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Name ist Dominik Pöltl, ich bin zweiter Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses und habe die Ehre, Herrn Eißing (Carl Eißing, 1. Vorsitzender des AStA) heute vertreten zu dürfen. Herr Eißing schreibt gerade noch eine Mathe-Klausur in der Alsterdorfer Sporthalle, gute 20 Kilometer Luftlinie von hier entfernt. Über die Prüfungssituation an der TU möchte ich in diesem Rahmen aber nicht mehr sagen.

Ich bedanke mich bei meinen Vorrednern und möchte eine Nachricht noch mal besonders hervorheben: Heute ist ein Tag, an dem sich alle TU-Mitglieder, Verwaltungspersonal, Professorenschaft und Studierende, freuen dürfen. Mit der Eröffnung des Hauptgebäudes stehen den Studierenden Räume zur Verfügung, die dringend benötigt werden. Als Studierende der Ingenieurswissenschaften müssen wir alles quantifizierbar machen, auch den Grund unserer Freude. Daher habe ich mir erlaubt, ein einfaches Rechenbeispiel anzustellen, das ich Ihnen im Folgenden kurz erläutern möchte:

Der SPD-geführte Senat hat zum Wintersemester 2012/2013 die allgemeinen Studiengebühren abgeschafft – das hat an dieser Stelle noch mal gesondert einen Applaus verdient. Außerdem ist es die Losung von Herrn Scholz und seines Kabinetts, bis 2020 den Haushalt zu sanieren. Hamburgs Finanzlage bewegte die Politik zu drastischen Kürzungen an Wissenschaft und Forschung. Unter diesen Bedingungen wäre es interessant zu fragen, welchen Beitrag zur Sanierung des Staatshaushalts das Zentrum für Lehre und Lernen leistet. Das Zentrum für Lehre und Lernen bietet grob 120 Studierenden Raum zum Lernen in einer förderlichen Atmosphäre. Die Räume werden jetzt schon rege benutzt und die Studierenden verbringen durchschnittlich 8 Stunden am Tag in der Prüfungsphase im ZLL.

Nun wagen wir einen Sprung in der Zeit: Nehmen wir einmal an, dass jeder TU Studierende nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums als Master of Science eine Anstellung bekommt. Bei einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von 43.000 Euro lässt sich leicht ermitteln, in welche Steuerklasse man fällt. Gehen wir also davon aus, dass jeder Studierende, der heute in den Räumen des ZLL 8 Stunden am Tag lernt, später ein durchschnittliches Einstiegsgehalt bekommt, so lässt sich doch berechnen, wie viele Euro zukünftige Steuergelder pro Tag im ZLL generiert werden.

Meine Damen und Herren, pro Tag werden im Zentrum für Lehre und Lernen an der TUHH 1000 Euro zukünftige Steuergelder generiert. Damit man ein Gefühl dafür bekommt: Das sind 0,1Prozent der Ausbaukosten für den Ostflügel pro Tag. Was zeigt uns dieses Beispiel: Zum einen beweist es, dass eine Senkung der Abbrecherquote an den Hochschulen für alle gewinnbringend ist. Zum anderen zeigt es, welchen Beitrag in der Gesellschaft wir als Studierende tragen. Darauf möchte ich etwas näher eingehen. Die Studierenden der TUHH haben mit ihren allgemeinen Studiengebühren das neue Hauptgebäude mit einer Summe von 4,3 Millionen Euro mitfinanziert. Unser Beitrag rechtfertigte die Beteiligung der Studierenden an den Planungen, den Bauherrenbesprechungen und mehr. Die Studierendenausschüsse mehrerer Jahre haben sich konstant und konstruktiv mit der Kaserne auseinandergesetzt. Besonders hervorheben möchte ich die Arbeit der Studierenden Constantin Möller, Marlon Fawzi und Hauke Nüstedt: Sie haben sich mit Brandschutzplänen und Fluchtwegen, Schwerlasthaken und Kabeltrassen auseinandergesetzt  und den AStA stetig informiert – ehrenamtlich und gewissenhaft. Marlon, Constantin und Hauke – dafür sind Euch die Studierenden zu großem Dank verpflichtet.

Das Hauptgebäude ist ein öffentliches Gebäude, dessen Türen und Tore jedem und jeder zu jeder Tageszeit offen stehen. Das bedeutet, mit ihren privaten Beiträgen haben die Studierenden – auch solche, die das Studium noch vor Fertigstellung des Gebäudes erfolgreich abgeschlossen haben – ein öffentliches Gebäude, das der Bildung dient, mitfinanziert. Ich möchte betonen, dass wir Studierenden willens sind, unseren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Die TUHH forscht stetig an der Grenze des Stands der Wissenschaft zu wichtigen gesellschaftlichen Themen. Unmittelbar hinter dieser Grenze beginnt die Lehre, damit die Studierenden später ihren  Beitrag leisten können. Woran es uns fehlt ist also nicht die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und seinen Beitrag zu  leisten.  Woran es uns fehlt ist nur eine ausreichende Finanzierung unseres Arbeitsbereichs – nämlich der Wissenschaft, Lehre und Forschung in der Hansestadt Hamburg. Allgemeine Studiengebühren waren und sind hier nicht zielführend, meine Damen und Herren. Erst mithilfe der Studiengebühren und des Konjunkturpakets II konnten ausreichend Mittel aufgebracht werden, um den Ausbau des Hauptgebäudes festzumachen. Der Beschluss zum Ausbau des Ostflügels wurde von der Bürgerschaft erst vor kurzem in trockene Tücher gebracht. Der Stellenwert von Ingenieurinnen und Ingenieuren darf sich nicht an der wirtschaftlichen Situation des Bundes oder Landes messen. Die TU mag das Tor zum Norden sein, Hamburg das Tor zur Welt, aber Bildung ist das Tor zu einer nachhaltigen Zukunft. Dafür muss der Bildung in Politik und Gesellschaft ein hoher Stellenwert beigemessen werden. Dass sich das Präsidium über eine Verdopplung der Drittmittel freut, liegt daran, dass der staatliche Zuschuss über Jahre hin stagnierte und relativ zu den Studierendenzahlen sogar absank.

Mit dem Abschluss des Großprojektes Hauptgebäude ist der Mitgestaltungswillen der Studierenden nicht abgebaut: Wir wollen weiter mitbestimmen können, was auf dem Campus passiert. Zu diesem Zweck gibt es das Studierendenparlament, den AStA und weitere Gremien. Die Beteiligung darf vor finanziellen Entscheidungen nicht Stopp machen.

Der AStA fordert daher vom Präsidium die Weiterführung der Beteiligung an der Vergabe der Kompensationszahlungen – damit wir auch in Zukunft gemeinsam Projekte von der Laborausstattung bis zu einer Kindertagesstätte auf dem Campus realisieren können.

Meine Damen und Herren, lassen Sie es mich zusammenfassen: Die Studierenden freuen sich, das neue Hauptgebäude heute feierlich mit dem Präsidium einweihen zu dürfen. In den neu geschaffenen Räumlichkeiten soll das Zentrum für Lehre und Lernen spürbare Veränderungen im Lehrkörper anregen. Die Modernität der TU misst sich nicht am Mauerwerk. Unter den Rahmenbedingungen der allgemeinen Studiengebühren und unserer Kofinanzierung funktionierte der Dialog mit dem Präsidium und allen Akteuren gut. Auch nach der Abschaffung der Studiengebühren, auch nach der Fertigstellung des Hauptgebäudes sind die Studierenden der TUHH bereit, ihren Beitrag zu leisten: Sei es bei der Mitgestaltung der Universität oder bei der zukünftigen Minderung des Haushaltsdefizits.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“ mz