120302SchiffHarburg - Ein von der Technischen Universität in Harburg entwickeltes Datennetzwerk soll helfen selbst bei schlimmsten Schäden Kreuzfahrtschiffe sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Einen entsprechenden

Auftrag erhielten die Wissenschaftler der TU.

Sie sollen eine Notbrücke entwickeln, durch die Passagierschiffe auch bei völliger Zerstörung der Kommandobrücke manövrierfähig bleiben und sicher zurück in den nächstgelegenen Hafen navigiert werden können. Das fordert die International Maritime Organization und die Notbrücke ist dabei eine von vielen Stationen.

„Es geht um den Aufbau eines ausfallsicheren Netzwerkes an Bord von Passagierschiffen,“sagt Professor Jan Luiken ter Haseborg. Der international gefragte Experte für die drahtlose Kommunikation auf Schiffen forscht auf diesem Sektor seit mehr als zehn Jahren, speziell auch auf dem Gebiet der ausfallsicheren Netzwerke. Das Forscherteam vom Institut für Messtechnik und Elektromagnetische Verträglichkeit der TU hat den Auftrag erhalten, eine drahtlose Kommunikationslösung zwischen Schiffen und Schiffen sowie Landstationen zu entwickeln. An diesem Forschungsprojekt, das jetzt offiziell startet, sind außer Ingenieuren der TU auch Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena beteiligt.

2,3 Millionen Euro stehen für das Maritime Netzwerk (MarNet), so der der Titel des Forschungsvorhabens, bereit. Mit 1,4 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie das MarNet, die übrige Summe bringen Partner aus der Wirtschaft auf: die Meyer-Werft-Papenburg sowie die Unternehmen SAM Electronics Hamburg und Raytheon Kiel. „Damit leisten Wissenschaft und Wirtschaft einen sehr aktuellen Beitrag zur Sicherheit auf Kreuzfahrtschiffen“, sagt ter Haseborg.

„Das Ziel ist die Installierung eines neuen schiffsweiten Ring-Netzwerkes von der Brücke zu den wichtigsten Stationen mit nautischem Bezug“, sagt Diplomingenieur Helge Fielitz, MarNet-Projektleiter an der TU. In diesem Netzwerk sollen an beliebig vielen Stellen die unterschiedlichen Informationen – zum Beispiel Überwachungs-und Kamerasignale sowie Steuer -und Sensorsignale – eingespeist werden können, verbunden mit der Möglichkeit von Schiff zu Land sowie von Schiff zu Schiff kommunizieren zu können. Selbstorganisierende, drahtlose Sensoren sollen Informationen in das Schiffsnetzwerk einspeisen, die auch auf der Notbrücke abgerufen werden können.

Mit der geplanten Notbrücke soll es möglich werden, navigatorische Funktionen, die ursprünglich auf der Brücke angesiedelt und auf die Brücke begrenzt waren, in andere Bereiche des Schiffes zu verlagern. Damit diese im Notfall aktiviert und von außerhalb der Brücke kontrolliert sowie und bedient werden können. Auf der Notbrücke werden im Wesentlichen drei Monitore installiert sein, die erstens das Radarbild, zweitens die elektronische Seekarte zeigen und drittens das so genannte Conning Display mit allen Angaben, die für das Steuern eines Schiffes nötig sind: zum Beispiel Daten aus dem Maschinenraum, zum Kurs, zur Wassertiefe, Geschwindigkeit, GPS.

Wie wichtig die Krisenkommunikation bei einem Schiffsunglück ist, zeigte auf dramatische Weise die Havarie der „Costa Concordia“ im Januar. Im Projekt MarNet sind deshalb auch Psychologen der Universität Jena beteiligt, die das menschliche Verhalten der für die Steuerung eines Schiffes verantwortlichen Bordmitglieder untersuchen. Ihre Erkenntnisse werden zum Beispiel in die Art und Weise der Anordnung der Konsolen, in denen die Monitore integriert sind, einfließen.

Bereits vom Germanischen Lloyd zertifiziert wurde im vergangenen Dezember ein von den Hamburger Wissenschaftlern entwickeltes Übertragungssystem, das Daten innerhalb der Brücke sowie von den Außendecks eines Schiffes auf die Brücke drahtlos überträgt. Wie alle bisher vom Team um Professor Jan Luiken ter Haseborg entwickelten Anlagen wurde auch diese zuvor auf Kreuzfahrtschiffen in der Meyer-Werft während der Probefahrten unter extremen Bedingungen umfassend getestet. dl