Fischbek – Wenn die Augen von Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter leuchten, ist das nichts Neues. Wenn aber sogar Stadtentwicklungssenatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt

und Bezirksamtsleiter Thomas Völsch die Begeisterung anzusehen ist, muss etwas Großes gelungen sein. Das könnte beim geplanten Neubaugebiet Fischbeker Reethen zwischen der Sandbek-Siedlung und Neu Wulmstorf tatsächlich so sein. Walter, Stapelfeldt und Völsch haben gemeinsam mit IBA Hamburg-Chefin Karen Pein den Siegerentwurf  für die „Gartenstadt der Zukunft“ vorgestellt. Das Preisgericht hatte mit 11:1 Stimmen den Entwurf des Rotterdamer Stararchitekten Kees Christiaanse und seines Teams sowie des Büros für Forschung und Hausbau Kunst+Herbert gekürt.

Die Stadt und  Projektentwickler IBA Hamburg setzen mit dieser Neuinterpretation der Gartenstadt auch ein klares Zeichen gegen den ersten Eindruck, den die öffentlichen Diskussionen über eine neue, rund 70 Hektar große Siedlung mit mehr als 2000 Wohneinheiten am Stadtrand geprägt hatten. Von „Expresswohnungsbau“ und fälschlicherweise auch von „Schlichtwohnungen“ war da die Rede. Tatsächlich sind die Stadtplaner hier schnell zur Sache gekommen, die Idee zu diesem Quartier – so Stapelfeldt – sei erst vor einem Jahr geboren worden. Und tatsächlich werden auch zu „mindestens 50 Prozent günstiger Wohnraum“ gebaut, angestrebt werde – so die Senatorin – „das 8-Euro-Haus“, soll heißen: Die Miete soll bei acht Euro pro Quadratmeter liegen.

Das alles aber wird überlagert von der Idee, eben nicht eine verwechselbare Großsiedlung mit eintöniger Architektur und kalten Straßenschluchten auf die grüne Wiese zu knallen. Die Architekten hatten vielmehr eine Reihe von Randbedingungen in ihre Entwürfe einzuarbeiten – zum Beispiel ein großes Torfgebiet im Nordosten, die Verkehrsadern B73 und Eisenbahn, mehrere alte Wegeverbindungen, die Reethenbek, aber auch die vom Senat gewünschte Aufteilung von jeweils 50 Prozent Gewerbe und Wohnen und schließlich ein Essentials des zeitgemäßen Städtebaus: keine Monokultur, sondern eine Durchmischung des Quartiers mit Geschosswohnungsbau, Reihenhäusern und Einzelhäusern.

„Die Verbindung zur Landschaft war für uns der Ausgangspunkt für den Entwurf“, sagt Kees Christiaanse. „Die funktionale Mischung von Wohnen und Gewerbe sehen wir als Chance für die Fischbeker Reethen und als Beispiel für die Entwicklung der Peripherie von Metropolen. Gründer und Grün, Wohnen und Gewerbe sind kein Widerspruch, sondern werden Teil eines neuen Stadtteils.“

Im Siegerentwurf  bleiben die bestehenden Landschaftslinien erhalten und werden fingerartig in das Gebiet verlängert und zum Teil auch erweitert. Ein kleiner Graben führt in Ost-West Richtung durch das Zentrum des Quartiers. Die Architekten schlagen für das neue Quartier eine „blaue Mitte“ mit einem See vor, um die herum sich ein kleines Quartierszentrum mit Schule und Geschäften für den täglichen Bedarf, Gastronomie und gemeinnützigen Einrichtungen ansiedeln soll. Weiter nördlich sehen die Pläne eine „Gründerstraße“ vor, an der entlang neue Mischformen von Gewerbe und Wohnen möglich werden. Diese Gewerbebauten, die gegenüber der Wohnbebauung liegen, sollen für nicht-störendes Gewerbe reserviert werden und eine hochwertige Fassade erhalten. Für die weiteren Gewerbeflächen entlang der Bahnlinie sind wissens- und forschungsintensives, produzierendes Gewerbe und Handwerk vorgesehen. Das gesamte Quartier soll als „walkable City“ mit reduziertem Autoverkehr erschlossen werden und damit ein gutes Netzwerk für Radfahrer und Fußgänger bieten.

Noch sieht Oberbaudirektor Walter hier und da Potenzial für Verbesserungen des Entwurfs, er sei aber eine ausgezeichnete Grundlage, um im weiteren Planungsprozess kostengünstige und variantenreiche Wohngebäude aufnehmen zu können. „Ja, die Idee der neuen Gartenstadt mit gefassten Straßenräumen und einer gestalteten Mitte hat die Jury sehr überzeugt“, sagt Walter.

Bezirksamtsleiter Thomas Völsch machte bei der Präsentation des Siegerentwurfs noch einmal deutlich, was der Bau der Fischbeker Reethen für Neugraben-Fischbek bedeutet: „Zusammen mit dem Fischbeker Heidbrook und anderen Projekten steigt die Einwohnerzahl von Neugraben-Fischbek von jetzt rund 27.000 um weitere 12.000. Das ist eine große Veränderung und wir müssen genau darauf achten, was das mit dem Stadtteil macht.“ Deshalb sei es gut, dass die IBA Hamburg schon mehrere öffentliche Diskussionsrunden veranstaltet hat. ag