160217PostNeugraben – Sechs Seiten Nachhilfe in Sachen Flüchtlinge und des eigenen sozialen Status lässt die Harburger SPD den Neugrabenern ins Haus schicken. Fakten wollen

die Macher der von SPD-Kreischef Frank Richter vorgestellten Wurfsendung so vermitteln. So erfahren die Neugrabener, dass „kein übermäßig sozial belasteter Stadtteil“ sei. Das sei ein „Mythos“,  „weit hergeholt“ und „von der Realität“ entfernt“, heißt es in der Wurfsendung. „Im einwohnergewichteten Durchschnitt liegt Neugraben-Fischbek innerhalb des Normbereichs, also ohne Auffälligkeiten“, schreibt die SPD. Der Stadtteil Neugraben-Fischbek, so findet es Richter, werde „bewusst runter geredet“. Für ihre Einschätzung bemüht die SPD den einen Bericht, der jetzt unter „Sozialmonitorin – Integrierte Stadtteilentwicklung“ vom Institut GEWOS herausgegeben wurde.

Die Hamburger Stadtteilprofile, herausgegeben vom Statistikamt Nord, die auch Grundlage für den GEWOS-Bericht sind, weisen andere Zahlen aus. Und sie lassen die Darstellung der Harburger SPD in schlechtem Licht erscheinen. Im Report 2014 schneidet der Stadtteil unterdurchschnittlich ab. Der Anteil der Sozialhilfeempfänger wird dort mit 13,6 Prozent angegeben. Hamburgweit liegt der Anteil bei 10 Prozent. Selbst im Vergleich mit dem gesamten Bezirk (12,3%) schneidet Neugraben Fischbek schlechter ab.

Die Arbeitslosenquote, 7,3 Prozent, ist überdurchschnittlich (hamburgweit 5,8%). Der Anteil von Kindern, 28,6 Prozent, die mit staatlichen Leistungen unterstützt werden, ist deutlich über dem Schnitt (hamburgweit 21,4%). Dafür liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen mit 28.670 Euro exakt 6.897 Euro unter dem Hamburger Schnitt. Die Wohnfläche, die jeder Bewohner im Schnitt hat, ist 1,3 Quadratmeter kleiner als im Hamburg-Schnitt. Der Anteil von Einwohner mit Migrationshintergrund liegt, ohne die zu erwartenden Flüchtlinge, bei 39 Prozent (Hamburg-Schnitt 30,8%). Letzteres blendet die SPD völlig aus. „Einen Migrationshintergrund und die Höhe des Einkommens per se als Negativfaktor anzusehen ist darüber hinaus nicht begründbar und stigmatisiert die betroffenen Menschen", steht politisch sehr korrekt in dem sechsseitigen Papier. Die Lebenswirklichkeit in Hamburg und in vielen anderen Städten blendet das aus.

Hübsch ist auch eine Grafik, die mit einer Lupe, die ein kleines Männchen im Fokus hat, suggerieren soll, dass Hamburg nach dem Königsteiner Schlüssel mit 2,53 Prozent der Flüchtlinge einen eher kleinen Teil der „Herausforderung“ zu wuppen hätte, während Nordrhein-Westfalen mit einem dicken Männchen präsent ist. Schaut man sich aber die verfügbare Fläche an, Nordrhein-Westfalen 34.084 Quadratkilometer, würde das Bundesland gut 45 Mal so viele Flüchtlingen wie Hamburg nehmen müssen. Genauer gesagt: Alle, die nach Deutschland kommen – und man hätte noch Luft.

Nebenbei schlägt die Harburger SPD die Warnungen von Experten, die eine Getto-Bildung durch eine Großunterkunft, wie in Fischbek mit über 4.00 Bewohnern geplant, befürchten, in den Wind und verweist darauf, dass weder positive noch negative Erfahrungswerte vorliegen. Gleichzeitig ist man sich aber sicher, dass kleinere Einrichtungen wünschenswert wären, es aber klappen könnte, wenn sich die Neugrabener und die Behörden nur ordentlich Mühe geben. Geht es um angenehme Prognosen, ist man nicht so zurückhaltend im Orakeln. Da „kann“ es eine positive Entwicklung der Infrastruktur oder des Neugrabener Zentrums geben.

Neben einer Einstufung Neugrabens soll das Papier der SPD im Sinne der eigenen Politik engagierte Neugrabener diskussionsfest machen. Das gelte auch für Genossen, die sich an Infoständen mit anderen Sichtweisen rumschlagen müssen. So will man falsche Darstellungen und unrealistische Prognosen entlarven. Davon gab es in der Vergangenheit viele, die je nach Interessenslage gestreut wurden. Das gilt ebenso für Aussagen, dass alle Asylbewerber Wirtschaftsflüchtlinge sind, wie für Ankündigungen, dass aus Syrien vor allem Akademiker und Facharbeiter kommen, oder das der Schwarzenberg nach einem Winter (2014/2015) wieder geräumt wird. zv