151228TUHHHarburg – Am Ende eines Jahres Gewinner und Verlierer zu nennen, hat immer etwas Subjektives. Weil es kaum objektive Kriterien gibt. Und es ist auch willkürlich,

schon morgen würden sich womöglich andere Kandidaten aufdrängen. Trotzdem wollen wir es versuchen – und damit vielleicht die eine oder andere Diskussion anregen. Auf geht’s! Wir beginnen mit unseren Gewinnern im Bezirk Harburg.

1. Die Technische Universität Hamburg, kurz TUHH: Sie hat die Chance ergriffen, mit dem neuen Hauptgebäude auf dem Schwarzenberg ein echtes Glanzlicht zu setzen – vor allem abends. Hell erleuchtet, mit den originellen Stäben vor dem Fenster und in den vergangenen Wochen mit einem wirklich sehenswerten Weihnachtsbaum  hat die TUHH-Chefetage Zeichen gesetzt: Hier sind Könner am Werk. Einfach exzellent! Mit der stillen, ohne großen Trommelwirbel begleiteten Hilfe für die Nachbarn in der Erstaufnahme ist der Sprung in die Nachbarschaft gelungen, nun müssen nur noch all die anderen Nachbarn offene Arme spüren – zum Beispiel indem die Quartiere rund um die Uni vorher von den tollen Sommerfesten auf dem Campus informiert werden.

2. Mentor Ejupi, auch als Toro bekannt: Im Englischen gibt es das Idiom „against all odds“. Also: „alle Widrigkeiten zum Trotz“. Das ist wohl die treffendste Beschreibung für das, 151228Torowas der Künstler im „Schmuddeltunnel“ auf die Beine gestellt hat. Obwohl es wirklich nicht der einladenste Ort in Harburg ist und obwohl es sich eigentlich hinten und vorne nicht rechnet,  holt Toro Künstler von Rang aus aller Welt nach Harburg und stellt ihre Werke aus. Die meisten  gehen vorbei, kommen nicht mal auf einen Kaffee herein. Schon gar nicht werfen sie einen Blick in die Galerie. Und doch: Toros Galerie ist eine Perle! Sie schmückt Harburg.

3. Die IBA Hamburg GmbH: Mit der Erfahrung aus einem Jahrzehnt Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg haben Karen Pein und ihr Team, etwas geschafft, woran sich Generationen von Kommunalpolitikern und Stadtplanern die Zähne ausgebissen haben: Sie haben ein negatives Alleinstellungsmerkmal des Hamburger Süden geschwächt. Der Harburger Wohnungsmarkt hat sich geöffnet. Zum ersten Mal gibt es im Neubauquartier Vogelkamp nennenswerte Zuzüge aus den nordelbischen Stadtteilen. Der Süden ist attraktiver geworden, man muss nicht mehr herumdrucksen, wenn man „nach Harburg“ zieht oder dort sogar baut. Die IBA Hamburg hat das mit bedarfsgerechter Planung, in der auch neue Wohnformen eine Chance haben, vor allem aber mit professionellem Marketing geschafft. Weiter so!

4. Die stillen Flüchtlingshelfer: Sie verplempern ihre Zeit nicht mit Statements in den sogenannten „sozialen Medien“ und sie schreiben auch keine Presseinfos, wenn sie mal 200 Euro für die Flüchtlinge gesammelt haben. Sie machen einfach. Sie stellen sich abends in die Poststraße, sorgen für Strom und kochen Tee für die Menschen, die eine lange Flucht hinter sich haben und es sich nicht ausgesucht haben, an einem regnerischen Abend bei Sturm in Harburg anzukommen. Sie fahren samstags kurz vor 22 Uhr zum Discounter, um die Restbestände an Brot und Bananen aufzukaufen, sie bringen ihnen Deutsch bei, lange bevor die Geflüchteten dazu „berechtigt“ sind. Oder sie sind einfach da. Auch das kann helfen.

5. Christoph Birkel: Der Geschäftsführer des hit technoparks ist seit Jahren ein Gewinner. Zusammen mit seinem Vater Wolfram hat er Hamburgs einzigen echten Technologiepark zum 151228Birkel2Erfolg geführt, ganz „nebenbei“ wird ihm vor vier Jahren der KulturMerkur der Hamburgischen Kulturstiftung und der Handelskammer Hamburg für vorbildliche und nachhaltige Kulturförderung verliehen und nun erweist er sich wie selbstverständlich als Unternehmer mit gesellschaftlicher Verantwortung: Er ruft das Flüchtlingshilfswerk „Open Arms“ ins Leben, stellt die Harburger Sozialpolitikerin Birgit Rajski ein und baut ein Netzwerk für die Integration seiner neuen Nachbarn in der Flüchtlingsunterkunft Bostelbek auf. Harburg neu denken? In Bostelbek wird schon gemacht!

Und nun die Verlierer! So ein Urteil soll niemanden beschädigen, vielleicht ist es ja auch der Anstoß, neu zu denken.

1. Hans-Dieter Lindberg: Der Eigentümer des maroden Harburg-Center sieht sich bekanntlich als Opfer von Bezirksverwaltung und Bezirkspolitik. Und der 75 Jahre alte Diplom-Kaufmann lässt keinen Zweifel daran, 151228HarburgCenterdass die Akteure in Harburg durch die Bank „keine Ahnung“ haben. Er müsste sich allerdings endlich einmal eingestehen, dass er der Harburger Innenstadt großen Schaden zufügt. Ein Stadtteil, der unter seinem „Schmuddel-Image“ leidet, hätte wahrlich Besseres verdient als eine Ruine in exponierter Lage. Lindberg ist stets gut informiert und weiß genau, was in Harburg läuft. Deshalb ist sein Verhalten nicht mehr zu erklären – es sei denn, er ist finanziell ruiniert und will das Ende hinauszögern.

2. Die Harburger Grünen: Die Partei, die in Harburg mehr als ein Jahrzehnt „mitregiert“ hat, hat spürbar an Einfluss verloren. Gesellschaftlich finden die Grünen kaum noch statt, sie lassen sich nur noch selten blicken und haben auch nur aus der Ferne zugesehen, als „ihre“ Senatorin Katharina Fegebank tapfer den Ausmarsch der Gilde adelte. In der Bezirksversammlung haben sie zugelassen, dass die Linke zur stärksten Oppositionskraft aufgestiegen ist. Gewiss wäre die Situation kommoder, wenn die SPD sich auf Rot-Grün eingelassen hätte. Aber das lag nicht nur am fehlenden Mut der Genossen, sondern auch am Unvermögen der Grünen, das sensationelle Wahlergebnis mit sieben Bezirksabgeordneten in praktische Politik umzusetzen. Woran liegt das? Beobachter stellen immer wieder irritiert fest, welchen Einfluss der grüne Baudezernent Jörg Penner auf die Fraktion hat und vermissen eine saubere Trennung von Verwaltung und Politik. Eine selbstbewusste Bezirksfraktion muss – vor allem in der Opposition –  der Verwaltung und damit auch dem Baudezernenten auf die Finger klopfen können.

3. Die Kultur: Es gibt jetzt zwar einen Fachausschuss, der sich nicht um alles kümmern muss, was nicht in die anderen Ausschüsse passte, und „nur noch“ für Kultur, Sport und Freizeit zuständig ist. Er hat mit Ralf-Dieter Fischer auch einen Vorsitzenden, dessen Kultur-Sachverstand über jeden Zweifel erhaben ist. Und doch bleibt ein Unbehagen. Das Gros der Ausschussmitglieder hat spürbar ein eingeschränktes Verständnis für Kultur, von Fachwissen ganz zu schweigen. Dabei müsste gerade dieser Ausschuss ungeheuer viel Kreativität entwickeln, damit die Kultur in Harburg eine Chance hat, auf dass sich irgendwann in der einen oder anderen Nische mal so etwas wie ein kreatives Milieu entwickeln kann. Die Kreativen, die Visionäre, die Ideen-Versprüher laufen in Harburg zuhauf herum, sie brauchen dringend Rückenstärkung, wenn ihnen irgendein Landesbetrieb mal wieder in die Suppe spuckt.

4. Die Leute vom Karnapp: Sie sind in der zweitältesten Straße Harburg zu Hause, sie haben sich wie Geerd Fischer hier zur Ruhe gesetzt. Aber bald wohnen sie in der lautesten Straße Harburgs. Ab 4. Januar wissen sie, was demnächst dauerhaft auf sie zukommt. Irgendwann in ein paar Jahren, soll nämlich der gesamte Durchgangsverkehr aus dem Binnenhafen vertrieben und die Quasi-Hafenquerspange über Karnapp und Seevestraße geführt werden. Dann können sie möglicherweise auf den Sankt Nimmerleinstag warten, bis sich einer erbarmt und 900 Millionen Euro für neun Kilometer A26 Ost (vulgo: Hafenquerspange) locker macht. Ab 4. Januar wird der Veritaskai für knapp ein Jahr gesperrt, die Brücke über den Östlichen Bahnhofskanal wird saniert. Die Umleitung führt über Karnapp und Seevestraße.

5. Bürgerbeteiligung: Sie haben sie alle in ihren Wahlprogrammen, aber sobald eine Partei regiert, ist ihr die Bürgerbeteiligung nicht mehr so wichtig. Und wenn dann sogar Olympia kippt, wird laut überlegt, ob es wirklich gut ist, die Bürger zu beteiligen. Aber es muss ja nicht gleich ein Referendum sein. Harburg hat ja auch schon Erfahrungen mit Bürgerbegehren. Eins (Elfenweise) wurde zunächst nachträglich für ungültig erklärt, ein anderes (Beachclub) wurde unter dem Motto „Ober sticht Unter“ einfach ausgehebelt. Auf der anderen Seite müssen die Bürger allerdings mal akzeptieren, dass Bürgerbeteiligung nicht automatisch eine Garantie dafür ist, dass ihre Position (und nur die!) sich durchsetzt. In einer Demokratie müssen zwangsläufig Kompromisse gemacht werden. Ärgerlich ist nur, dass sich Politik und Verwaltung nach wie vor schwer tun, zumindest die Grundversorgung an schneller, zuverlässiger und vollständiger Information zu sichern. Es kann nicht sein, dass jede Information zum Teil mühsam erkämpft werden muss. Wirklich ärgerlich ist aber der Umgang von Bezirksamt und Bezirksversammlung mit Bürgerfragen. Neuerdings gibt es nur noch wenig Antworten, dafür das Versprechen: „Sie bekommen die Antworten schriftlich!“ Und dann passiert gar nichts! ag