151103NachbarnHarburg – 3000 Flüchtlinge als Nachbarn? „Das haben wir doch längst“, sagen die Leute aus der Siedlung Wetternstraße. Der einzige Unterschied zu Neugraben: Dort sollen sich

27.000 Bürger der Aufgabe stellen, die neuen Nachbarn zu integrieren oder wenigstens friedlich mit ihnen zusammenzuleben, in der Siedlung Wetternstraße, die auch den Wetternstieg, Flutende und Zehntland umfasst, wohnen gerade einmal 120 „Alteingesessene“, in den nächsten Wochen kommen weitere rund 100 dazu, die in die neuen Reihenhäuser im Zehntland ziehen.

Wie lebt es sich in einer Siedlung mit der Alt-Unterkunft Wetternstraße, mit den Unterkünften Lewenwerder I und II, mit der Zentralen Erstaufnahme in der ehemaligen Post am Bahnhof und deren Dependancen Neuland und im ehemaligen Fegros-Markt und mit dem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Nöldekestraße in der Nachbarschaft? „Eigentlich ganz gut“, sagt Iwona Mazurkiewicz, die Anfang der 90er-Jahre selbst mit ihren Kindern als Flüchtling nach Hamburg gekommen war und zunächst – viel länger als geplant – in der Zentralen Erstaufnahme an der Sportallee bleiben musste. Heute vertritt sie mit ihrer Nachbarin Hannelore Gebhardt die Interessen der Siedler. „Einige wenige Politiker sprechen immer wieder mit uns“, sagt Mazurkiewicz. „Aber es entsteht auch immer wieder der Eindruck, dass man unsere Sorgen nicht ernst nimmt.“ Da seien plötzlich Senatoren aufgetaucht, sie hätten auch mit den Siedlern gesprochen, es habe Versprechungen und Protokolle gegeben – und dann nichts. Auch der Bezirksamtsleiter habe sich durchaus gekümmert, schließlich sei doch alles ganz anders gekommen. Von den „Kümmerern“ habe es dann geheißen: „Das haben andere entschieden.“

Erst habe es nur die Unterkunft Wetternstraße gegeben, bis eines Tages Lewenwerder I angekündigt wurde. Mazurkiewicz: „Wir haben gesagt: Hier gibt es doch schon eine Unterkunft mit 170 Leuten. Man hat uns geantwortet: Wir brauchen jetzt schnell eine neue Unterkunft, wir versprechen euch aber: Mehr kommt hier nicht.“ Eines Tages saß ein Staatsrat im Sozialausschuss und verkündete, die Zentralen Erstaufnahme für ganz Hamburg werde in der Post am Bahnhof eingerichtet. Aber, da gab es doch ein Versprechen, dass in der Nähe nichts Neues mehr kommt? Das mit der Nähe hatte der Staatsrat so nicht gesehen, das war ihm neu. So ging es immer weiter. Demnächst werden wohl rund 3200 Flüchtlinge in der Nachbarschaft wohnen. Dazu kommen manchmal bis zu 500 Flüchtlinge, die vor der ZEA warten müssen.

„Aus der Stadt“ – gemeint in die Harburger Innenstadt – gebe es nur zwei Wege in die Siedlung. „Beide Wege führen uns entweder an der ZEA oder an der Unterkunft Wetternstraße vorbei“, sagt Hannelore Gebhardt. Wenn man allein sei, fühle man sich da doch ganz schön mulmig. Nicht dass die einen überfallen, es sei einfach nur ein Gefühl. Manchmal stellten sich ihr auch Gruppen von jungen Männern in den Weg. Gebhardt: „Die erwarten dann, dass ich einen Bogen um sie mache.“ Das sei sicher nur ein Spielchen, es fühle sich aber nicht gut an, dieses „Spielchen“.

Zwei Frauen aus der Siedlung seien auch schon tätlich angegriffen worden. Das dürfe man nicht verallgemeinern, unsicher fühle man sich trotzdem. Von der Polizei sei nur wenig Hilfe zu erwarten. Die komme zwar, wenn man sie rufe. Aber man habe auch immer das Gefühl, dass sie große Sorgen um ihre Statistik haben. Also: lieber keine Anzeige schalten. „Neulich habe ich mehrere unbekannte Männer gesehen, die in der Siedlung herumgingen und sich für die Häuser interessierten“, sagt Gebhardt. Sie habe das der Polizei gemeldet, die habe aber keinen Anlass gesehen, der Sache nachzugehen. Wenige Tage später sei dann in drei oder vier Siedlungshäuser eingebrochen worden. Gebhardt: „Ich bin sicher, dass das keine Flüchtlinge waren. Unsere Sorgen sind trotzdem gewachsen.“

Jetzt betrachten die Siedler mit großem Misstrauen, was da auf dem Gelände der Unterkunft Wetternstraße geschieht. Einige der älteren Häuser sind abgerissen worden, dafür sind an anderer Stelle auf dem Gelände neue Häuser mit mehr Platz für mehr Flüchtlinge und Wohnungslose entstanden. Das hatte fördern & wohnen, Betreiber der Unterkunft, vorher mit den Siedlern am Runden Tisch so besprochen und ihnen zugesichert, dabei bleibe es dann. Mazurkiewicz: „Jetzt läuft eine Vertreterin von fördern & wohnen in der Siedlung herum und wirbt um eine Zustimmung für eine Erweiterung der Unterkunft um 90 Plätze.“ Und diese Frau ermahne die Siedler, damit aber noch nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch Bezirksamtsleiter Thomas Völsch solle man noch nichts sagen. Der kennt diesen Plan aber schon und hat ihn in einer Mail an Heie Kettner, den „Expansionsmanager“ der Sozialbehörde in Sachen Flüchtlingsunterkünfte, strikt abgelehnt. Mal sehen, ob wieder andere entscheiden. ag