151005KlausHarburg„Wenn man mal was Kritisches über die Unterbringung von Flüchtlingen sagt, wird man gleich als Nazi beschimpft.“  So etwas ist in diesen Tagen häufiger

mal bei Facebook zu lesen. Schade, dass diese sich so eingeengt fühlenden Menschen nicht mal rausgehen und öffentlich am aktuellen Diskurs teilnehmen –  zum Beispiel im Speicher am Kaufhauskanal. Zur Feier des Tages hieß das Thema: „Vereinigt Euch! Wie geht es weiter mit Deutschland 25 Jahre nach dem Einigungsvertrag?“

Schon allein wegen der Einschätzung der Philosophin und Buchautorin („Eichmann vor Jerusalem“) Dr. Bettina Stangneth über angebliche Denkverbote machte diesen Abend im Kulturspeicher atemberaubend wertvoll. „Wir dürfen in Deutschland alles sagen“, sagte Stangneth. Man wisse aber aus Erfahrung, wohin bestimmte Gedanken führen können. Stangneth: „Und wir müssen realisieren, dass solche Gedanken gefährlich werden können. Besonders für einsame Hirne.“ Deshalb müsse man keine Denkverbote aussprechen, wohl aber Denkdisziplin einfordern.

Bettina Röhl, Journalistin und Tochter der RAF-Gründerin Ulrike Meinhof, wollte da nicht mitgehen und stellte fest: „Unsere Gesellschaft tickt zu sehr in einem linken Mainstream, Normalnull der veröffentlichen Meinung ist längst verschoben worden.“ Und wenn sich besorgte Bürger angesichts des Flüchtlingszustrom kritisch zu Wort melden, werde ihnen gleich Rassismus unterstellt.

Robin Alexander von der Tageszeitung Die Welt wollte das nicht so stehen lassen: „Wenn man einen Papst hat, der unseren Umgang mit den Flüchtlingen lobt, wenn man eine Bundeskanzlerin hat, für die es beim politischen Asyl keine Obergrenze gibt und wenn selbst die Tageszeitung, für die ich schreibe, unsere Asylpolitik lobt und wenn man das für linken Mainstream hält, muss man sich die Frage gefallen lassen, wie weit rechts man politisch steht.“

Bis auf Röhl (Ihr Fazit des Abends: „Die Bude brennt! Merkel muss weg!“) waren sich alle einig: Die Bundeskanzlerin macht zurzeit alles richtig. Hamburgs Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi warnte allerdings: „Es ist völlig unmöglich, dass Deutschland der Fluchthafen für alle politisch Verfolgten der Welt ist. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Vor allem nicht in Zeiten, wo jede Minderheit per Mobiltelefon ihren Bürgerkrieg organisieren kann.“

Was ist also der richtige Weg für Deutschland? Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler erinnerte in diesem Zusammenhang an den griechischen Philosophen Aristoteles und dessen Gedanken über die Bogenschützen. Wenn sie die Mitte einer Zielscheibe treffen wollen, müssen sie höher zielen, weil sie Einflüsse wie die Schwerkraft und den Wind berücksichtigen müssen. So treffe auch nicht jeder Beliebige, sondern nur der Kundige die Mitte des Kreises. Aristoteles: „Darum ist das Richtige selten, lobenswert und schön.“

Immerhin; In der Mitte ist es am sichersten, konstatierte Dr. Najib Karim, Bundesvorsitzender der Neuen Liberalen. Bei Veränderungen werde es aber am Rand radikal. Karim: „Ein rein biologischer Vorgang.“ Im Übrigen erweise sich Europa in der aktuellen Situation als Scheinriese. Das Bekenntnis zu Europa werde wie eine Monstranz vor sich hergetragen.

Münkler teilt diese Einschätzung. Die Schwäche Europas führe dazu, dass sich in der Politik die Zufälle häufen. „Wir können aber keine Kontingenz ertragen“, sagte Münkler. „Der starke Gott, der alles lenkt, ist ohnehin weg!“ Deshalb würden Verschwörungstheorien entwickelt.

Bettina Stangneth glaubt nicht, dass das Entstehen von Verschwörungstheorien irgendetwas mit religiösem Interesse zu tun habe: „Es ist viel schlimmer! Die Verschwörungstheoretiker sitzen zu Hause, haben immer recht und müssen sich mit nichts wirklich beschäftigen.“

Ein grandioser Abend zum Weiterdenken! Er wurde abgerundet durch den DDR-Liedermacher und Wende-Zeitzeugen Stephan Krawczyk. Der absolute Diamant des Abends aber war Kulturspeicher-Geschäftsführer Henry C. Brinker. Seine präzisen Fragen an das Podium gehören in jedes Moderatoren-Lehrbuch! Die beste Nachricht des Abends: Brinker und Kulturspeicher-Eigentümer Rolf Lengemann wollen solche Abende wiederholen. Ja, bitte! Da leuchtet nicht nur der Kulturspeicher, da wird auch Harburg weithin sichtbar leuchten! ag