111226RadsportHeimfeld - Gazprom sponsert den Fußball-Bundesligisten Schalke 04 mit großem Erfolg. Und jetzt auch einen deutschen Radrennprofi. Das weltweit größte Erdgasunternehmen aus Russland gibt seit einiger Zeit auch Gas in einer anderen olympischen Sportart: Neuerdings hat

der Sponsor den 22-Jährigen Lepiziger Rüdiger Selig im Visier. Im Oktober hat er einen Profi-Vertrag beim russischen Team Katjuscha unterschrieben.

Die Besucher beim Crossrennen am zweiten Weihnachtstag rieben sich ob der Prominenz des Sportlers verwundert die Augen. Denn Katjuscha ist ein Pro-Tour-Team, das für Glanz und Glamour steht und so etwas wie das Hoffenheim in der Radsport-Branche verkörpert. Da mutet die Teilnahme an einem Weihnachtscross in der beschaulichen Harburger Haake etwas skuril an. Doch dem ist keinesfalls so. Denn Selig, der mit seiner Freundin Lisa Voigt (20) in Berlin lebt, ist ein ruhiger und bescheidener junger Mann. Diesen Eindruck bestätigt er schnell. Während er im Klubhaus der Tennisgesellschaft Heimfeld (TGH), die den Sportlern Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, auf die Dopingkontrolle wartet, sagt er: "Auch wenn ich eigentlich Straßenfahrer bin, sind Crossrennen für mich eine gute Wettkampfvorbereitung. Da wird viel Tempo und Kraft gefordert, so kann ich mir die nötige Spritzigkeit holen. Deswegen sind solche Veranstaltungen perfekt." Im Rennen hat es nur für den sechsten Rang gereicht, eine  Platzierung, mit der er sich aber durchaus anfreunden kann.

Schließlich kannte die Konkurrenz die mit anspruchsvollen Kurven und rutschigen Passagen gespickte 2,5 Kilometer lange Strecke bereits aus dem letzten Jahr. An der Spitze dominierte Johannes Sickmüller im Trikot vom Stevens Racing-Team. Mit einer eindrucksvollen Leistung konnte der 28-Jährige seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Vor allem die Leichtigkeit,  mit der er den Rundkurs fast spielerisch meisterte, beeindruckte die rund 600 Zuschauer in der Haake: In den letzten Runden hatte der aus Leimen stammende Bayer einen Vorsprung von über zwei Minuten.

Hinter dem Zweitplatzierten Max Walsleben vom Team Jenatic Cycling formierte sich mit Lokalmatador Jannick Geißler und den Fahrern Rüdiger Selig und Enno Quast ein Verfolger-Trio. In einem furiosen und dramatischen Finish reihten sich hinter Sickmüller, Walsleben und Büchmann, die es allesamt auf das Treppchen schafften, Quast, Geisler und Selig ein. Für die Fahrer ist das Crossrennen jedes Jahr eine gute Überprüfung ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit, da dieses Rennen der letzte Gradmesser vor den beiden wichtigen Deutschland-Cups in Vechta (30. Dezember) und Herford (31. Dezember) ist. Dort müssen die Fahrer auf den Punkt konzentriert und fit sein, wollen sie in der Spitzengruppe mitfahren und bei der Medaillen-Vergabe ein Wörtchen mitreden.

Vorne mitfahren bei den beiden Tunieren möchte auch Rüdiger Selig, der ebenfalls an den Start gehen wird. Doch bei den nationalen Wettkämpfen wird es keinesfalls bleiben. Der Mann weiss, worauf er sich mit dem Wechsel eingelassen hat. So steigt mit der Vertragsunterschrift bei einem Pro-Team vor allem die physische und psychische Belastung. Aber an ein Scheitern verschwendet er keinen einzigen Gedanken. "Ich hätte im September eine Ausbildung bei der Polizei machen können, habe mich aber dagegen entschieden. " Eine Absage, die er bis heute nicht bereut hat. Eine Beamtenlaufbahn wäre wohl die sichere Variante gewesen, doch den Wahl-Berliner reizt eben die Perspektive, in naher Zukunft zur Radsport-Elite zu gehören. Dass Selig mit einem großen Talent gesegnet ist, beweisen seine ersten achtbaren Erfolge. Bei der Straßen-WM in Kopenhagen der U23 wurder er Vierter und verpasste nur knapp eine Medaille. Anfang Oktober erfuhr er als "Stagiaire" (Gastfahrer) für das luxemburgische Pro-Team Leopard Trek seinen ersten Profi-Sieg beim Eintagsrennen "Binche-Tourne-Binche-Memorial Frank Vandenbroucke", das entlang des belgisch-französischen Grenze stattfindet.

Weitere Erfolge sollen nach dem Geschmack des Straßen-Profis folgen. Genau dafür, so glaubt er, ist der Wechsel gut. "Wir haben dort absolute Top-Bedingungen. Der Stützpunkt des Teams ist in Italien. Die Trainingslager finden in der Toskana und auf Mallorca statt." Trainingsfahrten im warmen Italien und Spanien statt im winterlichen Leipzig, Aufenthalte in teuren Hotels mit luxuriösen Wellness-Bereichen statt Übernachtungen im Wohnmobil- ein Wandel, an den sich Selig inzwischen gewöhnt hat. Auch wenn ihm das Materielle nicht so wichtig ist, gibt er zu, dass der Wechsel zum Gazprom-Rennstall auch mit einer Einkommensverbesserung verbunden ist. Er sagt: "Ich bekomme ein gutes Gehalt, das ist klar. Aber im Vordergrund stehen für mich die idealen Trainings- und Wettkampfbedingungen. So kann ich mich am Besten weiterentwickeln."

Seligs zukünftiger Team-Berater ist, passend zum glamourösen Rennstall, mit Erik Zabel der erfolgreichste Rad-Profi Deutschlands. Zwei deutsche Meisterschaften im Straßenrennen, zwei Weltmeisterschafts-Teilnahmen und beeindruckende zwölf Ettapensiege bei der Tour de France zieren Zabels goldene Karriere. Ein Sportler, der für Selig durchaus als Vorbild herhalten kann. "Na klar ist Erik Zabel jemand, den ich aufgrund seiner Titel bewundere". Bevor er der sportlichen Leitung des neuen Teams zusagte, gab es ein Treffen mit der Radsport-Ikone. Ein lockeres Gespräch, das ihn schließlich vollends überzeugte. "Ich habe mit ihm bei Kaffee und Kuchen zusammengesessen, Erik war total cool und entspannt. Das hat mir gefallen." Doch Zabel ist nicht die einzige Koryphäe im neuen Pro-Team. Mit dem spanischen Fahrer Oscar Freire beherbergt der russische Edel-Rennstall ab 2012 einen weiteren Top-Star in seinen Reihen. Selig wird künftig gemeinsam mit dem dreifachen Weltmeister, den er sonst nur aus dem Fernsehen kannte, zum Sprint ansetzten und die Berge hinaufkraxeln. Eine Vorstellung, die ihm ein breites Grinsen ins Gesicht meisselt.

Gefragt danach, ob er von einer Teilnahme an der Tour de France träume, antwortet er: "Ja, dass kann man in zwei Jahren in Angriff nehmen", ehe er ein verlegenes Lächeln aufsetzt und aus dem Fenster in den grau bewölkten Dezemberhimmel blickt. "Mal sehen, ob es klappt." Um schnell noch anzufügen, "dass ich, wenn es in den Terminkalender passt, auch im kommenden Jahr am Weihnachtscrossrennen in Harburg teilnehme." Dann steht er auf und verabschiedet sich mit einem kräftigen Handschlag. Der Doping-Kontrolleur der "NADA" wartet inzwischen am anderen Ende des Raums. Eines ist jedenfalls klar: Harburg würde sich über ein Wiedersehen mit Rüdiger Selig im kommenden Jahr beim Weihnachtscrossrennen auf alle Fälle freuen. (pw)

 

Bilder vom Rennen gibt es hier