130404Anschlag3Wilhelmsburg –  Sie kamen Ostermontag, morgens um 5.40 Uhr. Ein fetter Pflasterstein flog ins Schaufenster des kleinen Designerladens Messie de Luxe

mitten im Reiherstiegviertel. Der Schaden: eine große Scheibe in tausend Teile zerplatzt, ungezählte Ausstellungsstücke beschädigt oder zerstört, tief getroffene Ladenbetreiber, traurige Kunden. Und wütende Passanten.

„Geht das jetzt hier auch los?“, fragt ein Mann Mitte 50. Und er zeigt auf ein Symbol, das schon vor Wochen neben die Tür des kleinen Ladens gesprüht worden war: ein Haus mit einem Kreuz darin. Zum Abschuss freigegeben? „Das waren die IBA-Gegner“, sagt der Mann.

Modedesigner Jörg Rickert hat den Laden mit seinem Partner Lucas David Cizmic vor knapp zwei Jahren eröffnet. 130403AnschlagMit von der Partie ist auch Beagle-Hündin Lola. Sie war bei der Eröffnung noch ein Welpe. „Wir sind vor elf Jahren von St. Pauli nach Wilhelmsburg gezogen“, sagt Rickert. Irgendwann haben sie sich dann entschlossen, in einem eigenen Geschäft ihre Designer-Klamotten und Accessoires anzubieten, dazu zugekaufte Ware, kleine Möbel, Deko-Sachen, Schnickschnack und vieles mehr. Ein Laden zum Stöbern und Staunen.

„Dies Projekt war mit viel Idealismus und Herzblut verknüpft“, sagt Rickert. „Wir haben all unsere Arbeitskraft, unsere selbst erarbeiteten und ersparten finanziellen Mittel eingesetzt und alles riskiert.“

Was Rickert und Cizmic immer wieder motiviert hat: Sie seien von den „WilhelmsbürgerInnen“ sehr herzlich empfangen und angenommen worden. Besonders von den alteingesessenen. Der Umgang sei durch ein respektvoll-friedliches, sehr menschlich-herzliches Miteinander und große Offenheit geprägt.

Rickert: „Eine derart destruktive Entwicklung ist neu für diesen Stadtteil. Wir sind erschüttert über die sinnlose Zerstörung.“ Klar, er weiß nicht, wer das war. 130404Anschlag2Das wird sich auch nicht mehr beweisen lassen. Auffällig ist nur, dass die Außenfront des Ladens zum ersten Mal beschmiert wurde, kurz nachdem ein IBA-Führer mit Touren durch Wilhelmsburg veröffentlich worden war – eine Tour führte auch bei „Messie de Luxe“ vorbei. Ähnlich war es auch den Leuten von dem Lokal „Tonne“ am Veringkanal ergangen. Dass sie über sieben Ecken mit den Betreibern der Kletterhalle in der neuen Wilhelmsburger Mitte verbandelt sein sollen, passte den IBA-Gegner nicht. Und schon ließen sie ihre Wut an der „Tonne“ aus.

Das sind alles Spekulationen. Ein Bekennerschreiben haben die feigen Täter bisher nicht veröffentlicht. Oder steckt hinter dem Anschlag etwas ganz anderes? Ein Mann, etwas jünger als der von vorhin, kommt vorbei und überlegt laut: „Vielleicht waren das auch irgendwelche Spießer, die was dagegen haben, dass mit Jörg und Lucas hier zwei Schwule einen Laden betreiben.“

Rickert will sich an den Spekulationen nicht beteiligen. Stattdessen hat er eine Belohnung von 500 Euro in bar oder als Einkaufsgutschein für konkrete Hinweise auf die Täter ausgesetzt.

„Messie de Luxe“ befindet sich übrigens in der Mokrystraße, also jener Straße, die nach dem Rostocker Sportler und Antifaschisten Rudolf Mokry benannt wurde. Die Nazis haben ihn 1944 im KZ Sachsenhausen erschossen. ag