150213LossHarburg – Plakate nerven, die Autogrammkarten in der Fußgängerzone sind auch nicht besonders aussagekräftig, im Fernsehen erfährt man überhaupt nichts:

Was haben die Bürgerschaftskandidaten für die Wahlkreise 16 (Harburg) und 17 (Süderelbe) überhaupt zu bieten?  Was wollen sie in den kommenden fünf Jahren für mich tun? harburg-aktuell.de hat sich für die Last-minute-Entscheidung für die Wahl am Sonntag mal im Internet umgesehen – mit überraschenden Ergebnissen.

Der Platzhirsch gibt sich selbstbewusst. Auf der Homepage der SPD Harburg macht Olaf Scholz das Rennen. Wer denn sonst? Dann kommt der schon aus früheren Wahlkämpfen bekannte Drei-Tage-vor-der-Wahl-Jubel, diesmal meldet der Senat Investitionen in Höhe von 800 Millionen Euro im angeblich so böse vernachlässigten Bezirk Harburg. Und der brave Steuerzahler denkt: return on invest!

Aber was hat denn nun der Harburger Spitzenkandidat Sören Schumacher in den vergangenen vier Jahren für Harburg erreicht und was will er bis 2020 tun? Klick auf seine Homepage. Da steht: „SPD-Senat investiert über 800 Millionen Euro in Bezirk Harburg.“ Das hatten wir doch schon. Also weiter: „Innensenator Michael Neumann wirbt für Olympia.“ Ach so. Und dann wird’s ganz bunt. Oder besser: ganz blass! Eine merkwürdig farblose Fotostrecke von einem „rauschenden Fest“, dem Harburger Jägerball. Zu sehen sind wahrscheinlich Harburger Spitzengenossen, leider werden ihre Namen nirgends verraten.

Was Schumacher nun zu bieten hat? Das bleibt offen. Vielleicht hilft die Nummer zwei im Wahlkreis weiter: Birte Gutzki-Heitmann. Leider ist ihr Internet-Auftritt noch spärlicher, erinnert eher an ein lustlos ausgefülltes Formular. Es geht auch anders: Claudia Loss (Foto), die Nummer drei auf der Wahlkreisliste verrät viel Persönliches und sie verrät auch, was sie sich in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Integration vorgenommen hat. Immerhin.

Das Loblied auf den Bezirk Harburg sollte Claudia Loss allerdings noch einmal überarbeiten. „Harburg ist ein Bezirk mit vielen unterschiedlichen Facetten“ ist selbst für eine Plattitüde noch zu anspruchslos. Dieser unsägliche Textbaustein war auch auf der Homepage der SPD-Bezirksabgeordneten Birgit Rajski zu lesen, als sie sich 2014 um ein Mandat in der Bezirksversammlung bewarb. Und – jetzt wird’s schrill – in leicht abgeänderter Form auch im Bezirkswahlprogramm der Wandsbeker Grünen. Dort hatte eben Wandsbek statt Harburg viele unterschiedliche Facetten.

Noch zwei SPD-Kandidaten müssen erwähnt werden: Aziz Aygün hatte ein wenig Pech mit der Verlinkung seines Facebook-Accounts. Klickt man nämlich auf der Seite der SPD Harburg auf den entsprechenden Link, landet man bei einem Namensvetter in Nordwest-Anatolien – und versteht gar nichts. Doris Müller hingegen, die vor vier Jahren sicher auch vom „Krankenschwester-Bonus“ profitiert hatte und völlig überraschend zu einem Bürgerschaftsmandat kam, kann immerhin ihre sechs Reden im hohen Hause präsentieren. Als Videoclips.

Insgesamt doch etwas ratlos wenden wir uns den SPD-Kandidaten in Süderelbe zu. Brigitta Schulz erwähnt die 800 Millionen Euro zwar nicht, dafür lesen wir auf ihrer Homepage gleich dreimal hintereinander Aus einem Beutel Freude sind 100 geworden.“ Es folgen ein Foto mit der Kandidatin und 100 roten Beuteln sowie eine Lobeshymne auf die Hilfsaktion für die Flüchtlinge auf dem Schwarzenberg. Entschuldigung, aber: Man erkennt die Absicht – und ist verstimmt! Flüchtlinge als unfreiwillige Wahlhelfer? Das geht gar nicht! Und sonst? Viele Berichte über Kaffeefahrten und andere Ausflüge mit der Kandidatin.

Genosse zwo in Süderelbe ist da auskunftsfreudiger. Matthias Czech bemüht sich immerhin, ein paar Aussagen zu den wichtigsten Themen in Süderelbe wie Fischbeker Heidbrook, A26 oder Neugrabener Markt zu machen und verzichtet diesmal auf jede Supermann-Pose.

Auf der Homepage der CDU Harburg muss man schon ein wenig suchen, bis man die Hinweise auf die Spitzenkandidaten in den beiden Wahlkreisen findet. Dass die CDU noch mehr Kandidaten ins Rennen schickt, hält man nicht für erwähnenswert – auch ein klares Statement, was man vom aktuellen Wahlrecht hält.

Über Birgit Stöver und André Trepoll muss man sich eigentlich nicht informieren, außer ein paar Wochen, in denen DRK-Kreisgeschäftsführer Harald Krüger noch in die Bürgerschaft nachgerückt war, waren sie für den Bezirk Harburg die beiden Alleinunterhalter der Schwarzen. Da kann man schon mal Profil gewinnen, fleißig waren sie beide obendrein. Trotzdem: Ihre Homepages sind nun nicht die große Fundgrube, sie bieten aber das Mindeste, was man von einem Bürgerschaftskandidaten erwarten muss.

Die Grünen, bei früheren Bürgerschaftswahlen eher mit einem vorbildlichen Internetauftritt, schwächeln diesmal ein wenig. Einige Kandidaten hatten offenbar keine Lust (Zeit war doch wohl genug), sich und ihre Ziele näher darzustellen. Und wenn sie es denn doch tun, wie zum Beispiel der Harburger Spitzenkandidat Peter Schulze, verschonen sie uns leider auch nicht mit Plattitüden. Mit ähnlich niedrigem Erkenntnisgewinn wie schon Claudia Loss, Birgit Rajski und die Wandsbeker Grünen (siehe oben) dichtet Schulze dies: „Harburg ist ein großartiges Teil Hamburgs mit viel Potential.“ Erstaunlich: Auf der Homepage der Harburger Grünen ist im Wahlkreis 16 Heinke Ehlers als Nummer eins zu sehen, Schulze als Nummer zwei. Hat sich da etwas geändert?

Die Linke verzichtet fast vollständig auf einen Wahlkampf für einzelne Kandidaten. Spitzenkandidatin Sabine Boeddinghaus hat deshalb wohl auch ihre persönliche Homepage seit 2013 nicht mehr angerührt.

So bekommt FDP-Kandidat Dr. Kurt Duwe diesmal den Goldenen Gummikamm für den informativsten Internetauftritt. Auf seiner Homepage ist alles zu finden: Bisherige Aktivitäten (Duwe ist einer der fleißigsten Anfragenschreiber in der Bürgerschaft), Ziele, Vita, dies und das. Besonders erfreulich: Seine Homepage ist noch klassisch blau-gelb, das neue liberale Magenta wird ganz sparsam verwendet.

Ein schwacher und lustloser Internetauftritt kann aber auch täuschen. In Zeiten von Social Media wie Facebook, Twitter, Xing und anderen können auch auf anderen Kanälen Informationen verbreitet werden, auch dort kann man sein Profil schärfen. Das Internetportal Pluragraph wertet solche Aktivitäten aus – unter anderem die von 570 Hamburger Politikern. Das Ranking dieser Aktivitäten bringt für Harburg ein überraschendes Ergebnis: Anna-Lena Bahl, Kandidatin der Neuen Liberalen, ist in den Social Media besonders stark. Sie wird zwar nur auf Platz 62 verzeichnet, immerhin ist sie aber die Beste aus Harburg. Insider wundert das nicht. In den Ausschuss-Sitzungen der Bezirksversammlung ist „die Bahl“ nahezu ununterbrochen mit ihrem Smartphone beschäftigt. Dort ist es aber auch schon mal der "forever-clan", eine Guppe aus Freunden, denen sich Bahl lieber widmet als der Politik. Auch auf dem Treppchen: Aziz Aygün auf Platz 79 und Sören Schinkel auf Platz 99 (beide SPD). ag

Veröffentlicht 13. Februar 2015