140528SchusterHarburg –  Schade, dass jeder Stimmzettel sofort ungültig wird, wenn ein Wähler draufschreibt, warum er wo seine Kreuze gemacht hat! So muss jede „Analyse“ des Wahlergebnisses

Spekulation bleiben –  zum Beispiel die steile These von CDU-Kreischef Ralf-Dieter Fischer, SPD-Stadtplanungsexperte Muammer Kazanci sei gescheitert, weil „die Bürger die Baupolitik der Genossen ablehnen“. Oder die Behauptung, die SPD sei in den Bezirken für ihre „Senatshörigkeit“ abgestraft worden. Das kann alles sein, muss aber nicht.

Und doch gibt es Auffälligkeiten. Da gibt es im Bereich Wetternstraße eine Anwohnerinitiative, die sich um das Wohl der Menschen in der Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose kümmert, die aber auch verlangt, dass die Ängste und Sorgen der Nachbarn ernst genommen werden. Einige Politiker haben sich dort häufiger sehen lassen, allen voran Carsten Schuster (Foto) von der FDP, Helga Stöver und Martin Hoschützky von der CDU, Jürgen Heimath und Bernd Kähler von der SPD und gelegentlich auch Kay Wolkau von den Grünen.

Dass die SPD-Vertreter bei den Leuten von der Wetternstraße nur wenig Chancen haben würden, war abzusehen. Als „Regierungsvertreter“ sind sie – auch wenn sie sich redlich bemüht haben und die meisten Beschwerden auch ernst genommen haben – nun einmal die „Bösen“. Auch die Grünen und die Linke hatten bei den Anwohnern wenig Chancen. In ihren Reden in der Bezirksversammlung ließen sie zum Beispiel nach Ansicht von Hannelore Gebhardt aus der Straße Flutende nicht erkennen, „dass sie unsere Interessen vertreten“. Dabei hätten sie doch das Mandat von den Harburger Bürgern bekommen.

Und das ist das Wahlergebnis aus dem Wahllokal am Großmoordamm: Auf der Bezirksliste ist die CDU hier mit 34,3 Prozent die stärkste Partei, gefolgt von der SPD mit 32,3 Prozent und die FDP mit starken 13,4 Prozent. Dahinter folgen gleichauf mit jeweils 7,5 Prozent die Linke und die AfD. Schlusslicht sind die Grünen mit glatten fünf Prozent.

Noch deutlicher wird es bei der Personenwahl: Carsten Schuster ist hier mit 28,7 Prozent der beliebteste Politiker, gefolgt von Michael Hagedorn (21,3) und Ralf-Dieter Fischer (12,8). Und dann kommt der Hammer: Helga Stöver, die nicht auf der Bezirksliste kandidiert hat, holt für die CDU-Wahlkreisliste in diesem Wahllokal sagenhafte 60 Prozent für die Partei und 47,7 Prozent als beliebteste Politikerin. Was lässt sich daraus schließen? Persönliches Engagement in einem überschaubaren lokalen Bereich zahlt sich (in Wählerstimmen) aus. Warum sich allerdings das Engagement für Martin Hoschützky nicht gelohnt hat, bleibt eines der vielen Rätsel dieser Wahl.

Manchmal reicht auch ein spektakulärer Auftritt – wie der von der SPD-Bezirksabgeordneten Dagmar Overbeck in der Bezirksversammlung. Die Nachbarn der geplanten Flüchtlingsunterkunft auf der Pferdewiese in Bostelbek hatten gerade symbolisch SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath einen Eimer mit Wählerstimmen überreicht, als die Heimfelderin sich zu Wort meldete und unter Tränen erklärte, sie wolle die wenig bürgerfreundliche Politik ihrer Fraktion nicht mehr mittragen und für mehr Transparenz sorgen. Das hat die Bostelbeker beeindruckt. Jedenfalls holte Dagmar Overbeck im Wahllokal Tempowerkring ein herausragendes persönliches Ergebnis. Ihre Fraktionskollegen sahen es mit gemischten Gefühlen. Als am Tag nach der Wahl in Raum 102 des Harburger Rathauses das Ergebnis von Overbeck angezeigt wurde, meinte ein Ober-Genosse: „Und was lehrt uns das? Sollen wir jetzt allen Fraktionskollegen sagen: heul doch!?“

Mehr  Analyse ist offenbar kaum angesagt. Bei SPD und CDU ist am Tag nach der Wahl schon das Kandidatenrennen für die Bürgerschaftswahl im Frühjahr 2015 gestartet worden – nicht offiziell, aber spürbar und zum Teil auch ganz offen. So wird Muammer Kazanci, der große Verlierer dieser Wahl, von seinen Freunden getröstet und immer wieder aufgefordert, jetzt für die Bürgerschaft zu kandidieren.

„Ganz nebenbei“ muss auch gearbeitet werden. Die erste Bezirksversammlung mit neuer Besetzung ist für Dienstag, 24. Juni, angesetzt. Bis dahin müssen sich die fünf Fraktionen konstituieren und ihren Vorstand wählen. Außerdem werden sich alle Gedanken über den Zuschnitt der Fachausschüsse machen. Und die mehr als 20 neuen Abgeordneten müssen erst einmal lernen, wie die Kommunalpolitik tickt. ag