140520FremdgaengerHarburg – Wenn der Kandidat zweimal klingelt. Damit muss zurzeit wohl jeder Harburger rechnen: Besuch nach Feierabend. Vor der Tür steht ein weitgehend unbekannter Mensch,

drückt einem einen bunten Flyer in die Hand, wünscht „noch’n schönen Abend“ und klingelt beim Nachbarn. Mehr Demokratie nennt sich so was!

Andere Kandidatinnen, Kandidaten und Kandidierende (so heißen sie bei den geschlechtsneutralen Grünen) lassen die Wählerinnen, Wähler und Wählenden zu Hause in Ruhe und gehen dafür in der Nähe von Frequenzbringern wie Fußgängerzonen, Disco-Moves und Lebensmitteldiscountern auf Stimmenfang. Das kann allerdings auch in die Hose gehen – wie zum Beispiel beim grünen Nachwuchs. Er radelte mühevoll, aber stilecht mit einem Lastenfahrrad voller Infomaterial vom Parteibüro in Harburg-City zu einer Stadtteilschule draußen in Süderelbe. Und radelte wenig später vollgepackt wieder zurück. Null Frequenz!  Die Schüler mussten an diesem Tag bei den Bundesjugendspielen antreten.

Plakate sind da schon sicherer. Wenn man alles sorgfältig vorbereitet hat! Wer sich beim Leim vergreift, muss damit rechnen, dass die schönen Bildchen beim ersten Regen Falten schlagen und die abgebildete Person unwählbar erscheinen lassen. Obwohl sich die Botschaften auf den Plakaten auf wenige Worte beschränken, sollte man auch nicht auf Korrekturleser verzichten: FDP-Mann Günter Rosenberger präsentierte sich mit dem Prädikat „zukuftsfähig“. Dass da was fehlte, fiel ihm nicht auf. Zum Glück hat Rosenberger noch mehr Eigenschaften zu bieten. Neben „zukuftsfähig“ pries er sich auf dem Plakat auch als „kompetent“ an.

Apropos FDP. Während Carsten Schuster, Viktoria Pawlowski und Hendrik Sander auf ihren Plakaten brav ihren Listenplatz mitteilen, behauptet der Süderelbe-Liberale Peter G. Bartels einfach: „Ihr Kandidat“! Überhaupt hat Bartels auffallend gute Stellplätze für seine Plakate mitten in Harburg ergattert. Sein Trick: Dank seiner guten Beziehungen zu einem professionellem Plakataufsteller soll sich Bartels vorab die Plakate der Baumesse auf dem Schwarzenberg gesichert und diese dann nach Ende der Messe einfach überklebt haben. So sieht man plötzlich überall ein Gesicht, dass politisch zuletzt in den 90er-Jahren einem kleinen Kreis von Insidern bekannt war.

Aber in der Reihe „Dein unbekannter Politiker“ ist Bartels in guter Gesellschaft. Da tauchen viele Gesichter auf. Wie kann man sich die nur alle merken. Schade, dass auf den Wahlzetteln keine Gesichter zu sehen sind. Bei den SPD-Kandidaten wird die Zuordnung von Gesicht zu Namen besonders schwierig. Die Agentur der Sozialdemokraten hat für die Namen eine Schrift  gewählt, die im Vorbeifahren kaum lesbar ist. Dazu kommt noch eine typografische Todsünde: Der Vorname des Kandidaten ist in kursiv gesetzt, der Nachname dagegen in „gewöhnlich“  (so heißt das tatsächlich!). So ein Schriftenmix trennt Vor- und Nachnamen. Das ist schlecht zu merken!

Und sonst? Gut, die SPD ärgert sich über Eindringling Falko Droßmann. Der Genosse ist zwar Spitzenkandidat. Für die Bezirksversammlung Mitte!. Sein Großplakat (Foto) steht aber auf Harburger Hoheitsgebiet an der Ecke Nartenstraße/Hannoversche Straße. Das ist zwar frech, dennoch völlig legal. Dagegen haben unter anderem Helga Stöver, Michael Hagedorn und Barbara Lewy gegen die „Fachanweisung über die politische Werbung auf öffentlichen Wegen mit Werbeträgern“ von Staatsrat Karl Schwinke verstoßen. Sie mussten einige ihrer Plakate entfernen.

Auffallend: In allen anderen sechs Hamburger Bezirken werben die Grünen mit einer Doppelspitze, Spitzenkandidatin und Spitzenkandidat auf einem Plakat. Nur in Harburg nicht. Sind sich Britta Hermann und Kay Wolkau etwa nicht grün? Da freut man sich doch über das Plakat des SPD-Distrikts Harburg-Mitte. Es ist nicht besonders schön, aber dort sind alle Kandidatinnen und Kandidaten des Distrikts für die Bezirksliste zu sehen. Ein schönes Signal gegen die Zerstrittenheit der Harburger Genossen. Noch besser ist der Slogan: „Harburg ist Vielfalt.“ Stimmt! Und das bleibt hoffentlich auch so.

Die Linke, die Piraten und die AfD verzichten dagegen völlig auf Personenwerbung. Ob man wie die Linke nun unbedingt mit der Forderung nach einem Stopp von Waffenexporten Stimmen bei den Wahlen zur Bezirksversammlung gewinnen kann, sei dahingestellt. Und vielleicht sollte man die Forderung „Miethaie zu Fischstäbchen“ mal den Gag-Schreibern von Mario Barth vorlegen. Erstaunlich, wie viele Plakate die Linke aufgestellt hat. Ganz anders die AfD, da muss man schon lange suchen. Oder aber die Plakate im Fünferpack (12,90 Euro inklusive Versand) bestellen und selbst aufstellen.

Eigentlich schade, dass die AfD nicht mit ihrem Spitzenkandidaten wirbt. Da würden einige doch bestimmt Peter Lorkowski wieder erkennen. Jenen Peter Lorkowski also, der von Oktober 2001 bis März 2004 für die Schill-Partei in der Bürgerschaft saß. Dabei streitet Parteigründer Bernd Lucke doch vehement ab, in der AfD machten sich Rechtspopulisten breit. Und nun tritt in Harburg ein Ex-Schill-Mann als Spitzenkandidat für Luckes Partei an. Ob Lucke jetzt wieder behauptet: „Das kennen wir doch, die Presse lügt“? ag