130925ListeHarburg – Die Häuser in der Schorchtstraße sind nicht besonders groß. Aber innen drin sind sie urgemütlich, und sie haben auch bald schon zwei Jahrhunderte gehalten.

Jetzt aber fürchten ihre Bewohner, dass das Mauerwerk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts brüchig werden könnte. Denn gegenüber soll wie berichtet in einer Baulücke, auf der jetzt noch Pkw und Krankentransporter abgestellt werden, ein Studentenheim mit 45 Wohnungen und 35 Stellplätzen gebaut werden.

„Wenn die Baufahrzeuge über das antike Kopfsteinpflaster vor unseren Türen rattern, fürchte ich um meine Wände“, sagt Anwohnerin Barbara Thies. „Viel schlimmer wäre es allerdings, wenn für die Pfahlgründungen Rammen eingesetzt werden.“ Die Pädagogin steht mit ihren Befürchtungen nicht allein da, deshalb hat sie ihre Nachbarn zusammengetrommelt – und gemeinsam haben sie den Harburger Politikern einen Besuch abgestattet und auch gleich die Fragestunde in der Bezirksversammlung genutzt.

„Wir wissen, dass wir den Bau nicht mehr verhindern können“, sagt Barbara Thies. „Wir wollen aber trotzdem von den Politikern wissen, warum sie bei diesem Bau so vielen Ausnahmen von den Regelungen des Bebauungsplans zugestimmt haben. Und wer uns die Schäden bezahlt, wenn unsere Häuser durch die Bauarbeiten gegenüber mürbe werden.“

So moderate Anwohner haben die Politiker, der Bezirksamtsleiter und seine Dezernenten selten erlebt, meistens gibt es mehr Zoff in der Bürgerfragestunde. Und doch sind die Anwohner wieder einmal verschaukelt worden. Ein kleiner Trick reichte, um sie ins Leere laufen zu lassen. Als nämlich Manfred Schulz, Vorsitzender der Bezirksversammlung, fragte, ob die Anwohner „von der Politik oder von der Verwaltung“ Antworten bekommen wollen, konnten sie damit so schnell nichts anfangen. Wer außer den Profis weiß denn schon, dass mit der „Politik“  die 51 Bezirksabgeordneten gemeint sind und mit der „Verwaltung“ eben der Bezirksamtsleiter und seine Dezernenten. In diesem Moment rief ein Abgeordneter in den Saal: „Von der Verwaltung!“ Die Anwohner waren wohl verdutzt und stimmten erst einmal zu.

Damit waren die „Politiker“ aus dem Schneider. Dabei hätten die Anwohner doch gerade von ihnen gewusst, mit welchen Argumenten sie den vielen Ausnahmen vom Bebauungsplan zugestimmt hatten. So ratterte Baudezernent Jörg Penner ein paar Erläuterungen herunter, die aus seinem Mund völlig harmlos klangen. Es gebe zwar 13 (in Worten: dreizehn!) Ausnahmen vom Bebauungsplan, aber das sei „alles Kleinkram“. Also: Das Studentenheim wird fünf Vollgeschosse haben, obwohl eigentlich nur vier Geschosse erlaubt sind. Kleinkram! Die eine Hälfte des Baugrunds ist laut Bebauungsplan „Misch- und Kerngebiet“. Eigentlich dürften dort nur Büros gebaut werden. Kleinkram! Dieser Kleinkram ist rechtlich allerdings so bedeutend, dass sich das Bauamt (also die „Verwaltung“) in einer Ausschusssitzung vor den Sommerferien schon alle Ausnahmen  von den Bezirksabgeordneten (also der „Politik“) hat absegnen lassen.

Auch die Befürchtung, Baulaster auf Kopfsteinpflaster könnten bei den alten Häusern an die Substanz gehen, wischte Penner vom Tisch: „Das ist eine öffentliche Straße, und da dürfen Baulaster fahren. Das muss die Straße aushalten.“ Wenigstens in einem Punkt konnte der Baudezernent die Anwohner beruhigen: „Heutzutage werden in Wohngebieten kaum noch Rammen eingesetzt. Da werden die Löcher gebohrt.“  Die Anwohner werden genau darauf achten, ob Penner Recht hat. Ein Anwohner: „Zeugen für seine Aussage haben wir ja genug.“

Zum Abschluss übergab Barbara Thies dem Vorsitzenden der Bezirksversammlung eine Liste mit rund 200 Unterschriften. Sie sagt: „Die Schorchtstraße mit den kleinen, unter Denkmalschutz stehenden Häusern und dem Kopfsteinpflaster aus napoleonischer Zeit ist einzigartig in Harburg. Mit dem Bauvorhaben sehen wir den Charakter des historischen Quartiers zerstört.“ ag