130617MartinsHarburg – Ab Donnerstag ist der Berlinale-Film „Promised Land“ in deutschen Kinos zu sehen. Er erzählt die Geschichte eines Dorfes in Pennsylvania, das den finanziellen

Verlockungen eines Energiekonzerns widersteht und sich erfolgreich gegen die Erdgasförderung mit Hilfe von Fracking wehrt. Konzernvertreter Steve Butler, gespielt von Matt Damon, muss unverrichteter Dinge wieder das Feld räumen.

In der Sondersitzung von zwei Harburger Fachausschüssen im Rieckhof, in der es ausschließlich um die umstrittene Methode zur Gewinnung von Erdgas mit Hilfe eines Chemiecocktails ging, erinnerte der Auftritt von Diplom-Volkswirt Olaf Martins (Foto) verblüffend an Steve Butler alias Matt Damon. Martins arbeitet seit 1984 für den Energiekonzern ExxonMobil, er ist dort offenbar der Fachmann für den großen Wurf. Nach der Wende baute er in den neuen Bundesländern das ESSO-Tankstellennetz auf, danach führte er im Konzern die Software SAP ein. Jetzt soll er positiv Stimmung für das Fracking machen.

Das Gegenteil ist ihm im Rieckhof gelungen. Martins selbst dürfte das nicht überraschen. Er nennt das so: „Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht: Beim Thema Fracking werden Ängste geschürt.“ Dem rhetorisch geschulten Volkswirt fällt vermutlich schnell auf, dass er bei so einer Behauptung auch Ross und Reiter, sprich: den oder die Angstschürer, nennen müsste. Also korrigiert er sich und sagt: „Hier werden Ängste adressiert.“ Was immer das heißt.

Und so geht es den ganzen Abend. Statt einer Antwort auf die Frage, welche Risiken konkret beim Fracking von Schiefergas entstehen und wie 130617FrackingExxonMobil mit möglichen Umweltschäden umgehen will, gibt es wieder nur Rhetorik. Und Martins  versteigt sich zu der These, ExxonMobil sei der Umweltschutz extrem wichtig. Als Beleg nennt er jene vier Milliarden Dollar, die der Konzern nach der Havarie der „Exxon Valdez“ für die Beseitigung von 37.000 Tonnen Rohöl von einem 2000 Kilometer langen Teilstück der Küste von Alaska ausgeben hat. Martins erwähnt nicht, dass diese Summe erst nach jahrzehntelangem juristischem Tauziehen herausgerückt wurde. Und dass heute noch Tiere elendlich verrecken – Opfer einer auf Jahrzehnte verseuchten Nahrungskette.

Martins stellt seinen Konzern auch als Kämpfer für die Rechte der einfachen Arbeiter in Russland dar: „Je mehr Erdgas wir hier in Deutschland gewinnen, desto weniger müssen wir aus Russland beziehen. Dort wird das Gas unter den fragwürdigsten Bedingungen gewonnen, hier bei uns würde das alles sauber und ordentlich geschehen.“ Mit solchen Argumenten gewinnt man kein Vertrauen.

Die Frage nach den Risiken beim Fracking von Schiefergas konnte Martins vermutlich gar nicht seriös beantworten. Obwohl er immer wieder betonte, dass es in Deutschland schon „mehr als 300 Fracs“ gegeben habe, musste er zugeben, dass man mit der Gewinnung des Gases aus Tonsteinen bisher kaum Erfahrungen habe. Bisher habe man nur das Gemisch aus Wasser und  Chemikalien (darunter das krebserregende Benzol) unter hohem Druck in Sandstein gepresst und diesen damit geknackt, so dass das begehrte Gas entweichen konnte.

Nun soll es also Schieferstein sein, ob sich die Gasförderung im rund 150 Quadratkilometer großen „Erlaubnisfeld Vierlande“, das sich unter Harburg durch bis hin zum Einzugsgebiet der Wasserwerke Bostelbek und Süderelbmarsch zieht, überhaupt lohnt, muss sich in den nächsten drei Jahren erweisen. Die Genehmigung für eine Förderung gibt es jedenfalls noch nicht.

Wie gehen Harburgs Bezirkspolitiker damit um? Sie wissen es noch nicht. Jedenfalls konnte sich die SPD im Ausschuss noch nicht zu einer grundsätzlichen Ablehnung von Fracking durchringen. ag