121205MHHarburg - Die SPD Harburg gibt es nicht mehr. Zumindest aus dem Internet war sie gestern Abend verschwunden. „The page you attempted to access does not exist“, heißt es lapidar. Die Seite, die Du gerade aufrufen wolltest, existiert nicht. Und

auch die Suchmaschinen wissen nicht mehr weiter. Was ist da los?

Eins ist klar: Die verschwundene Homepage der Harburger SPD passt in das Bild, das die Genossen aus Hamburg-Süd zurzeit abgeben. Außer dem fleißigen Jürgen Heimath, Fraktionschef in der Bezirksversammlung, der gelegentlich ein paar Presseinfos verteilt, schweigen sie lieber alle. Wenige Tage vor dem entscheidenden Tag für den SPD-Kreisverband will sich keiner aus dem Fenster lehnen: Freitag wird der Nachfolger von Hans-Ulrich Klose nominiert.

Wer bekommt die Riesenchance, den Wahlkreis Harburg, Wilhelmsburg und Bergedorf für die SPD zu gewinnen – sowie es nach Gründung der Bundesrepublik nur Herbert Wehner und eben Klose getan haben? Mehr SPD-Kandidaten als diese beiden gab es – zumindest südlich der Elbe – nicht. Dieser Wahlkreis ist eben nicht nur ein Wahlkreis wie jeder andere, er hat das Zeug zur Legendbildung.

 

Dass die meisten schweigen, hat seine Gründe. Gerade im Kreisverband Harburg ist die Zahl derjenigen besonders hoch, die ihre Parteikarriere noch vor sich haben. Sieben „Kerle“ aus der Bezirksfraktion sind zwar noch gut drauf, aber ihre „Haltbarkeit“ ist begrenzt.

Fraktionschef Heimath ist 66 Jahre alt, Heinz Beeken, einer seiner Stellvertreter ist noch zwei Jahre älter. Manfred Schulz, Vorsitzender der Bezirksversammlung, ist mit 64 Jahren auch schon im Rentenalter, Horst Krämer, ebenfalls aus dem Präsidium der Bezirksversammlung hat in diesem Jahr schon seinen 70. Geburtstag gefeiert. Und auch Michael Dose (67), Bernd J. Kähler (69) und Ex-Ortsamtsleiter Peter Sielaff (74) sind schon reifere Herren. Nicht dass sie zu alt für ein politisches Engagement wären, dennoch kommt man auch ohne besondere prophetische Kenntnisse zu der Aussage: Da werden bald Posten frei!

Einer der besonders gerne schweigt, wenn das Thema heikler wird, ist Muammer Kazanci. Es ist kein Geheimnis, dass der Vorsitzende des Stadtplanungsausschusses sich noch nicht am Ende seiner Kompetenzen angekommen sieht. Schon jetzt streut er in seine Debattenbeiträge in der Bezirksversammlung immer auch ein wenig Aufmunterung für seine Fraktionskollegen ein. Wie ein Fußballtrainer in der Halbzeitpause. Also: Hier kommt der nächste Fraktionschef! Der Weg in die Bürgerschaft könnte für Kazanci steiniger werden. Gerade haben ein paar jüngere Harburger Genossen den Sprung über die Elbe geschafft. Aber Jurist Kazanci hat Zeit, er ist 36 Jahre alt.

Von Kazanci wird man also keine Prognose bekommen, wer am Freitag nominiert wird: der Harburger Kreisvorsitzende Frank Richter, der smarte Wilhelmsburger Metin Hakverdi oder gar das Importmodel Ingo Egloff, der angeblich vom großen Vorsitzenden Olaf Scholz favorisiert wird.

Andere Harburger Genossen lassen durchaus erkennen, wen sie gerne in Berlin sehen wollen. Alle fügen hinzu: „Damit möchte ich aber nicht zitiert werden.“ Erstaunlich: Bei einigen Partei-„Freunden“ spielen politische Argumente überhaupt keine Rolle, für sie sind persönliche Animositäten entscheidend. Hinter den Kulissen muss es in diesem Kreisverband, der sich eigentlich ja über die absolute Mehrheit in der Bezirksversammlung freuen könnte, ziemlich heftig zugehen. Überall werden Wunden geleckt. Kein Wunder, dass eine überzeugende inhaltliche Arbeit mindestens in der Außendarstellung auf der Strecke geblieben ist.

Einer sagt trotzdem, wie er die Lage einschätzt: Harald Muras, mehr als ein Jahrzehnt Kreisvorsitzender der Harburger SPD. Er muss auf eine mögliche Karriere keine Rücksicht mehr nehmen und ist auch in seinem Urteilsvermögen so souverän, dass er Kritik ohne weiteres einstecken kann. Muras hat vor einigen Tagen geglaubt, dass Hakverdi im zweiten Wahlgang nominiert wird. Aber, er hat auch gesagt: „Frank Richter hat in den letzten Tagen stark aufgeholt.“

Sollten Hakverdi oder gar Egloff nominiert werden, wäre am Freitagabend gar nichts vorbei. Dann hätte die Harburger SPD nämlich mit Frank Richter einen Kreisvorsitzenden, der im Frühjahr nur knapp in seinem Amt bestätigt worden war und jetzt auch noch den sicher geglaubten Sitz im Bundestag verloren hätte.

Was wird dann? Wieder schweigen die meisten Genossen. Diesmal aber nicht aus taktischen Gründen. Sie wissen einfach nicht, wie es dann weitergehen könnte. ag