121107BundBMarmstorf - Rainer Bliefernicht ist Landwirt im Nebenerwerb, Inhaber eines Spielwarengeschäfts, Jahrhundertkönig des Marmstorfer Schützenvereins und mit 100 Prozent aller Stimmen

gewählter Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Harburg-Süd. Es ist kein Geheimnis, dass ihm das nicht reicht. Bliefernicht will noch ein paar Stufen höher hinaus, vielleicht sogar in den Bundestag.

Aber das lässt er offen, stattdessen lud er zum traditionellen Grünkohlessen und Klartextreden der Marmstorfer CDU einen Parteifreund ein, der schon ganz oben ist: Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag, Talkshow erprobt, gesundheitlich angeschlagen, aber immer mit Rückgrat. Ein Politikpromi im Dorf: kein Wunder, dass der Festsaal des Marmstorfer Schützenhofs innerhalb von Tagen ausverkauft war.

 

Vor Bosbach und Grünkohl zog der König von Marmstorf vom Leder. Beim politischen Aschermittwoch in Seehofers Freistaat geht’s kaum derber zu. Zunächst Bekanntes aus Bliefernichts Mund: Hamburg schiebt alle seine Probleme in den Süden ab, egal ob Kohlekraftwerke, Schlickhügel, „massiv ausgeweitete Asylantenheime“ und alle ehemaligen Sicherheitsverwahrten. Dazu werde dem Sozialwohnungsbau wieder Tür und Tor geöffnet. Da könne es mit Harburg nur noch abwärts gehen, die Kaufkraft schwinde, nicht umsonst werde die S-Bahn nach Harburg inzwischen „Balkan-Express“ genannt. Und immer mehr Menschen machten sich auf den Weg, um das hochgelobte deutsche Sozialsystem zu genießen.

Bliefernicht: „Für die ist das sicher ein Quantensprung, die Tüchtigen bei uns bremst das eher in ihrem Engagement. Und das Schlimmste: die bildungsfernen Schichten zeichnen sich durch eine besonders strenge Religion aus.“ Um das alles in den Griff zu bekommen, sieht Bliefernicht nur eine Lösung: „Bildung, Bildung und noch einmal Bildung!“

Aber nicht irgendwie weiter so wie bisher. Bliefernicht hat drei zentrale Vorschläge für eine Bildungsreform: Erstens müsste es viel mehr Lehrer geben, vor Lehrerinnen hätten bestimmte Jugendliche auf Grund ihrer häuslichen Erziehung keinen Respekt. Früher habe es Schulfunk und Schulfernsehen gegeben, deshalb müsse es zweitens ein Schul-Internet geben. Schließlich müsse etwas gegen Schulschwänzer getan werden. Bliefernichts dritte Forderung: Haft für Erziehungsberechtigte, die nicht dafür sorgen, dass ihre Kinder in die Schule gehen! Gemurmel im Saal. Aber Bliefernicht setzt nach: „In Israel ist das längst gängige Praxis.“

Was Bosbach davon hält, ließ er sich nicht anmerken. Er warnte seine Zuhörer nur vor Politikern, die nie lachen. Und vor Politikern, die sich zu wichtig nehmen. Ein wenig mehr Gelassenheit könne er jedem nur empfehlen – vor allem angesichts der Meldungen, die die Medien täglich verbreiteten. Bosbach: „Wir haben keine Probleme mehr, wir haben nur noch Katastrophen. Eine über Wochen geschlossene Schneedecke wird zur Schneekatastrophe. Früher nannten wir es Winter.“

Ein wenig mehr politische Substanz hatten Bosbachs Anmerkungen zu der aktuellen Diskussion über die CDU als Großstadtpartei. Nach dem Machtverlust in Hamburg, aber auch der verlorenen Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, sind nicht wenige in der CDU nervös geworden. Bosbach warnt vor zu großen Änderungen: „Welche Werte sollen wir denn noch aufgeben. Wir müssen aufpassen, dass wir auf der Suche nach zwei neuen Wählern nicht drei Stammwähler verlieren.“

Dann gab’s endlich Grünkohl. Und zum Schluss wie immer die Frage: Was kostet der Spaß? Hat Bosbach an diesem Abend auch ein ordentliches Honorar kassiert? Offenbar nicht. Aus Kreisen der CDU war zu hören, dass Bosbach nur ein „Nichtraucherzimmer in einem guten Hotel“ und Grünkohl satt verlangt hat. ag