120920StaatsratDuoMoorburg - Sie hatten vorher nichts verstanden, und sie haben auch an diesem Abend in der Pausenhalle der alten Moorburger Schule nichts verstanden. Die beiden Staatsräte Jan Pörksen und Ralf Kleindiek halten

die Entscheidung des Senats nach wie vor für richtig, die drei ehemaligen Jenfelder Sicherheitsverwahrten Karsten D., Hans-Peter W. und Jens B. gemeinsam mit Bewachern und Betreuern auf Dauer in einem zurzeit leer stehenden Haus in Moorburg unterzubringen.

Dabei gehen sie von der These aus: Moorburg ist Jenfeld ist jeder andere Ort in Hamburg. Ihrer Meinung ist es letztlich also egal, wo der Totschläger und die beiden Sexualstraftäter wohnen, die Lebensqualität der Nachbarn werde sich nicht verändern. „Das ist meine Prognose, und sie wird auch so eintreffen“, belehrte Justiz-Staatsrat Kleindiek die rund 150 fassungslosen Moorburger.

 

Worauf Kleindiek seine optimistische Prognose stützt? „Die drei Männer waren jetzt ein Jahr in Jenfeld untergebracht. Und dort haben wir überaus positive Erfahrungen gemacht“, sagte der Staatsrat. Nachbarn der Unterkunft in Jenfeld haben offenbar andere Erfahrungen gemacht. Auf der Website Wohnen-auf-eigene-Gefahr.de schreibt ein Autor: Karsten D., ein Totschläger, wird nicht bewacht. Bei Hans-Peter W., einem verurteilten Sexualstraftäter, wird die Bewachung jetzt nach und nach reduziert. Jens B., ein Sexualstraftäter mit 17 Gewaltdelikten, versucht sich ständig seinen Bewachern zu entziehen.“

Jenfeld ist Moorburg? Nicht ganz: In Jenfeld leben gut 25.000 Menschen, in Moorburg gerade einmal 700. „Und wir leben hier in einem Straßendorf, da begegnet man sich zwangsläufig“, sagte ein Mann. Er habe jedenfalls Angst um seine Frau, die als Nachtschwester arbeite, und um seine Tochter, die gerade ein Praktikum mache und abends später nach Hause komme. Die Unterkunft für die drei Ex-Sicherheitsverwahrten liege direkt an der Bushaltestelle, an der sich einige Linien kreuzten und man beim Umsteigen warten müsse. Der Mann: „Soll ich jetzt jeden Abend noch mal aufstehen und meine Frau abholen?“ Diese Frage hat die Staatsräte nicht sonderlich beeindruckt.

Wenig später zeigte dann zumindest Kleindiek kurz Wirkung. Als eine Frau sagte, ihr mache schon allein die Vorstellung Angst, ihr könne jederzeit irgendwo in ihrem Dorf einer der Sexualtäter begegnen, gab sich der Staatsrat noch verständnisvoll: „Ich kann das gut nachvollziehen.“ Aber eine andere Frau fragte nach: „Ach, sind Sie schon mal vergewaltigt worden?“ Kleindiek schwieg, fing sich aber schnell wieder. Später entlarvte er sich endgültig als kalter Bürokrat. Er sagte zu einer der Frauen: „Wer mit der Situation nicht klar kommt, dem bieten wir selbstverständlich psychologische Betreuung an.“ Zynismus pur! Er hat wirklich nichts verstanden!

Kein Wunder, dass Kleindiek auch nach zwei Stunden Diskussion die These wiederholte: „Egal, wo wir diese Männer unterbringen: Die Situation ist überall in der Stadt gleich.“ Mit anderen Worten: In Eppendorf, Jenfeld oder Poppenbüttel gibt es auch riesige Kohlekraftwerke, Spülfelder und eine sechsspurige Autobahn, demnächst noch eine weitere Autobahn und einen Schlickhügel? Und all diese Stadtteile sind Hafenentwicklungsgebiet und die Menschen müssen ständig damit rechnen, ihre Häuser zu verlassen, um Containerschiffen Platz zu machen? Hat der Senat da bei seiner Entscheidung für Moorburg eventuell ein paar Kleinigkeiten übersehen?

Ja, ganz sicher! Staatsrat Pörksen sieht in Moorburg sogar eine „grüne Oase“ und einen „attraktiven Stadtteil für junge Familien“. Übrigens auch künftig, denn die drei Männer aus Jenfeld werden die Lebensqualität der Moorburger ja in keiner Weise negativ beeinflussen. Und wieder haarscharf an der Wirklichkeit vorbei: Pia Fellechner, Leiterin des Kinderlands Moorburg, berichtete, dass nach der Entscheidung des Senats schon vier Eltern ihre Kinder abgemeldet hätten. Aus Sorge! Ist das schon der Beginn einer Entwicklung, vor der Rainer Böhrnsen, langjähriger Kämpfer für die Zukunft Moorburgs warnte? „Wir haben es trotz aller widrigen Umstände geschafft, wieder eine Perspektive für unser Dorf zu entwickeln und damit auch junge Familien hierher zu locken. Diese Entwicklung ist jetzt massiv gestört.“

Und nun? „Wir haben kaum noch Kraft, uns zu wehren“, sagte Claudia Kulenkampff vom Elbdeich e.V. Und ein anderer Moorburger: „Wir haben seit 15 Jahren keine Sicherheit mehr. Wir gehen kaputt!“ Und was sagen die Staatsräte? Die Entscheidung für Moorburg steht! ag