120619BegehungNeugraben - Die Szene hatte Symbolkraft. Während sich die rund 50 Teilnehmer der Exkursion des Harburger Stadtplanungsausschusses um Helga Nikodem von der Finanzbehörde, Karl-Heinz Alpheus vom Bezirksamt

und andere Experten drängten, um Details über die geplante Suche nach Blindgängern und anderen Munitionsresten zu erfahren, standen drei, gelegentlich auch vier Männer etwas abseits, in Gespräche vertieft: Finanzsenator Peter Tschentscher, sein Sprecher Daniel Stricker, der Harburger SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath und auch Bezirksamtsleiter Thomas Völsch.

 

Sie schienen sich für die Details nicht zu interessieren, offenbar haben sie schon einmal die grobe Linie für das weitere Vorgehen festgelegt. Und die könnte so aussehen: Zunächst einmal werden alle geplanten Baufelder auf dem ehemaligen Kasernengelände nach Kampfmitteln sondiert und anschließend geräumt. Dann wird erst einmal eine Pause eingelegt, um die Erfahrungen auszuwerten.

Schließlich wird entschieden: Was geschieht mit jenen Flächen, auf denen Straßen, Wege und Grünflächen geplant sind? Kann der totale Kahlschlag vermieden werden, dem bis zu 2.100 Bäume zum Opfer fallen würden und der dem Areal endgültig seinen Charakter als naturnahes Wohngebiet am Rand der Fischbeker Heide nehmen würde?

Von dem früheren Anspruch, kurz vor der Landesgrenze ein attraktives Wohngebiet für „TUHH-Professoren und Airbus-Ingenieure“ zu schaffen, das sich von den üblichen Großsiedlungen mit Geschosswohnungsbau abheben sollte und so die Abwanderung von „Besserverdienenden“ ins niedersächsische Umland zu verhindern, hatte sich der SPD-Senat schon mit der Verdichtung von anfangs 440 auf rund 800 Wohneinheiten verabschiedet.

Jetzt also die Bäume. Behördensprecher Daniel Stricker betonte noch, dass man nur vorsorglich eine Genehmigung für das Fällen aller 2.100 Bäume anstrebe, dass man diese aber nicht unbedingt in vollem Umfang ausnutzen wolle. Dann verabschiedeten sich Tschentscher und sein Sprecher von der Exkursion.

Unterdessen machten Helga Nikodem und Karl-Heinz Alpheus immer wieder ihre unterschiedlichen Positionen deutlich. „Als Grundeigentümer legen wir Wert auf eine vollständig von Kampfmitteln geräumte Fläche“, sagte Helga Nikodem. Sie ist in der Finanzbehörde für die Entwicklung großer Areale zuständig. Karl-Heinz Alpheus vom Amt für Stadt- und Landschaftsplanung des Bezirksamts kämpfte dagegen um jeden einzelnen Baum. Immer wieder begründete er, warum dieser und jener stehen bleiben könne und man zum Beispiel Grünanlagen nicht unbedingt auf Kampfmittel untersuchen müsse. Außerdem gebe es Verfahren, Kampfmittel aufzuspüren, ohne einen Baum gleich zu fällen. Helga Nikodem hielt dagegen: „Sicherheit geht vor!“ Nun kam Alpheus sein Chef, Baudezernent Jörg Penner, zu Hilfe: „Und was ist mit der Grünanlage auf dem Schwarzenberg oder im Harburger Stadtpark?“ Dort sei auch nicht nach Blindgängern gesucht worden.

Bezirkamtsleiter Thomas Völsch scheint sich schon entschieden zu haben: „Wenn man nicht das gesamte Areal absucht, wird der Senat mich eines Tages fragen: Können Sie das verantworten?“ Nein, das könne er nicht.

CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer interessierte das nur am Rande. Er hat zurzeit ganz andere Sorgen. Das Bezirksamt hatte ihm Ende vergangener Woche telefonisch mitgeteilt, dass das von der CDU, der FDP, den Grünen und mehreren Sportvereinen unterstützte Bürgerbegehren für den Erhalt der vorhandenen Sportanlagen, gegen die Verdichtung auf rund 800 Wohneinheiten und gegen den totalen Kahlschlag überhaupt nicht zulässig sei. Begründung: Da die Senatskommission für Stadtentwicklung schon der Verdichtung zugestimmt habe, gebe es für den Bezirk und damit auch für seine Bürger nichts mehr zu entscheiden.

Fischer: „Für den Kahlschlag gibt es aber noch keinen Beschluss.“ Der sollte eigentlich schon in der vergangenen Woche getroffen werden, war dann aber vertagt worden. Nach Informationen von harburg aktuell will die Senatskommission das heute (Dienstag, 19. Juni) nachholen. Fischer will aber nicht zurückstecken: „Sobald ich den schriftlichen Bescheid habe, legen wir Widerspruch ein.“ Werde der auch zurückgewiesen, will er das Verwaltungsgericht einschalten. mz