Harburg„Dies ist keine normale Bezirksversammlung“, sagte Robert Timmann und eröffnete die Sitzung im großen Saal des Harburger Rathauses. Nur langsam

setzten sich die 51 Bezirksabgeordneten auf ihre Plätze, zuvor hatten sie in kleinen Gruppen zusammengestanden, hatten sich umarmt, die Hände gedrückt, hier und da ein paar Tränen, nach Debatten über ein Bordell in der Wilhelmstraße oder einen Sozialtarif in Schwimmbädern war wohl keinem zumute: Harburg trauert um Thomas Völsch, trauert um seinen Bezirksamtsleiter, trauert um eine Person, die es offiziell in der Hamburger Verwaltungsstruktur gar nicht gibt, die Thomas Völsch aber ganz sicher war: der Bürgermeister von Harburg.

Birgit Rajski, die Vorsitzende der Bezirksversammlung, verlor den Kampf mit den Tränen, als sie diesen besonderen Status des Verstorbenen heraushob, sie sei auf seinen Tod vorbereitet gewesen, dass er dann so schnell kam, mache sie trotzdem fassungslos. Seine letzten Wochen habe Thomas Völsch so gelebt, wie er auch als Politiker war: „Pragmatisch, realistisch, dennoch nicht fatalistisch.“

Im März hatte Völsch die Diagnose bekommen: Krebs! Das haut jeden um. Auch Völsch. Aber dann war er wieder da, äußerlich verändert, die Chemotherapie hatte ihm die Haare genommen. Völsch versteckte sich nicht, machte Scherze über sein Glatze, trat beim Disco-Move wie ein alter Jazzer aus New Orleans auf, mit Hütchen und Sonnenbrille. Die Fotos hätte jedes Lifestyle-Magazin gedruckt.

Gefühlt war er plötzlich überall, besuchte kleinere Veranstaltungen, diskutierte übers Alkoholverbot auf dem Rathausplatz, kümmerte sich um das WLAN für die Rathausjournalisten, postete bei Facebook eindrucksvolle Fotos von seinen morgendlichen Hafenspaziergängen, sprach über seine Krankheit und machte sich damit Mut, gab sich Hoffnung. Wie Völsch mit dieser Existenzbedrohung umging, war vorbildlich und zutiefst eindrucksvoll. Damit gab er nicht nur sich selbst Hoffnung.

Das alles ist jetzt mit einem Schlag weg.

Nur die Erinnerung bleibt – die Erinnerung an den Sozialdemokraten, der im Hamburger Rechnungshof, in der Schulbehörde und als Geschäftsführer der SPD-Bürgerschaftsfraktion gearbeitet und im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur HSH Nordbank maßgeblich zur Aufklärung beigetragen hat. Und die Erinnerung daran, dass er als Bezirksamtsleiter seine wahre Rolle gefunden hat, dass er vor einem Jahr sein Haus in Fischbek verkauft hat und mit seiner Frau Susanne in den Binnenhafen gezogen in, zufällig in eine Straße, die nach Theodor Yorck, einem Gründer der SPD benannt worden ist. Und schließlich bleibt die Erinnerung an einen Bürger, der sein Leben zu genießen wusste, egal ob man sich mit ihm über herausfordernde Kochrezepte unterhielt oder ob man ihm auf seinem Abonnements-Platz im Deutschen Schauspielhaus begrüßte. ag