151105BlieferRönneburg – Was den Bayern ihr politischer Aschermittwoch, ist den Marmstorfern das Grünkohlessen mit der CDU Harburg-Süd. Bevor die knapp 200 Gäste in Kohlwurst

und Schweinebacke beißen können, lassen die Redner einmal richtig die Sau raus, reden Klartext. Einziger Unterschied zum Freistaat im Süden: Dort kratzt die CSU an der absoluten Mehrheit, hier kratzt die SPD (zumindest bei der Bürgerschaftswahl im Frühjahr). Und auch wenn der Ortsvorsitzende und CDU-Kreisvize Rainer Bliefernicht immer wieder mit persönlichen Traumergebnissen glänzt, seine Partei kam hier im Frühjahr auch nur auf schlappe 17,9 Prozent.

Egal, für Schuldzuweisungen oder gar Analysen ist es zu spät, jetzt ist – wie Bliefernicht in seiner „Grünkohlrede 2015“  im Rönneburger Hof feststellte – die „schöne neue Welt“ über uns hereingebrochen. Überall werden unter Anwendung des Polizeirechts Flüchtlingsunterkünfte aus dem Boden gestampft – ohne dass er als Bezirkspolitiker da etwas ändern könnte. Aber, ist doch alles gut, findet Bliefernicht: „Die meisten sind jung und haben viele Kinder.“  Ja, das meint er ironisch, denn allein in Harburg müssten nun 800 bis 1000 Kinder mehr betreut und unterrichtet werden. Bliefernicht: „Das sind 30 bis 50 zusätzliche Unterrichtsräume. Nur in diesem Jahr, Herr Scholz!“

Es müssten nun endlich auch Wohnungen gebaut werden, und das müsse jetzt ganz schnell gehen und dafür müsse man auf die „überzogene Rücksicht auf Wachtelkönig, Tellerschnecke und Schlammpeitzger“  verzichten. Nur die muslimischen Frauen brauchten mehr Schutz. Es könne nicht sein, dass Frauen hier in Deutschland wie Gegenstände behandelt würden. Da falle ihm doch Friedrich Merz ein, jener CDU-Vordenker in der selbstgewählten politischen Diaspora, der eine deutsche Leitkultur gefordert hatte. Die dann auch für Zuwanderer gelten müsse. Was diese Leitkultur nun genau ist, wie sie aussehen soll und welche Werte gepflegt werden sollen, darauf ging Bliefernicht nicht ein – es wäre sicher mal einen Diskussionsabend wert!

Was Bliefernicht wichtig ist, zeigt er traditionell zu Beginn seiner Grünkohlreden. Da begrüßt er minutenlang die Vertreter der verschiedensten Wertegemeinschaften wie diverser Schützenvereine und Sportverein, der Marinekameradschaft, der Frauen-Seniorenunion, der Freiwilligen Feuerwehr, der Handwerker oder der Kaninchenzüchter. Selbstverständlich begrüßte er diesmal auch Bundesverteidigungsminister a. D. Volker Rühe, den CDU-Kreischef Ralf-Dieter Fischer oder die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Birgit Stöver und Ehren-Kreishandwerksmeister Dierk Eisenschmidt, vergaß aber die ehemaligen CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Franz-Alexander Bernhardt sowie Inge und Karl-Heinz Ehlers. Wohl nicht extra  erwähnen  wollte Bliefernicht den ehemaligen Vorsitzenden der Bezirksversammlung Harburg, Horst Krämer (SPD), und die AfD-Bezirksabgeordneten Peter Lorkowski und Harald Feineis.

Kurz vor Schluss der Grünkohlrede kam dann doch noch der neue CDU-Landeschef Roland Heintze in den Saal geeilt. Er stellte ich kurz vor, freute sich, dass Angela Merkel und Horst Seehofer in der Flüchtlingsfrage endlich ein „Bollwerk gegen links“ geschmiedet hätten, rief die Parteimitglieder zu einem offenen Dialog auf, machte Hoffnung auf ein Ende von 15-Prozent-Ergenissen für die CDU, sagte „Wir schaffen das!“ und fiel über den Grünkohl her. ag

Veröffentlicht 5. November 2015