150924AGHarburg - Nun ist er da, der heiße Herbst. Die  Bezirksversammlung hat ihre Sommerpause beendet, und die 51 Volksvertreter sind von null auf gleich gefordert: Fast

über Nacht hat sich der Bezirk verändert. Eben noch konnte man sich über die unfassbare Hilfsbereitschaft der Harburger freuen und darüber, dass die Hetzer, Trolle und  Aufwiegler in den sozialen Medien kaum noch Gehör fanden. Und dass es rund um den Schwarzenberg ruhig blieb und sich die Kritik der Stammtischbrüder darauf beschränkte, „dass die Flüchtlinge da rumsitzen“.

Jetzt steht plötzlich eine Zahl im Raum: 3000! Oder sind es mehr? 4000? Oder gar 7000? „Massenunterkunft“ wird neu definiert. Die Empörungslatte wird höher gelegt, vor kurzem waren 700 Menschen auf dem Schwarzenberg noch unzumutbar. Und jetzt wird geholzt, neben der neuen Zentralen Erstaufnahme im ehemaligen Heimwerker-Paradies am Geutensweg sind 100 Holzhäuser „höheren Standards“ geplant, das neue Zuhause für mehr als 3000 Geflüchtete. Die ersten sollen im Februar 2016 einziehen.

Über das Quartier Vogelkamp und all seine Vorgänger ist mehr als ein Vierteljahrhundert diskutiert worden. Schließlich hat man die weitere Entwicklung des Quartiers in die Hände des IBA-Teams gegeben. Frische Ideen für die Süderelbmarsch. Von dem neuen Holz-Quartier war vor zehn Tagen noch nicht die Rede. Plötzlich ist es da. Und es wird nicht lange dauern, dann werden ratzfatz die ersten Baugruben ausgehoben. Die Neugrabener haben Erfahrungen mit neuen Quartieren. Christian Kampe aus dem Striepenweg: „In den 90ern haben die Behörden fast nur Russland-Deutsche in die Süderelbe-Camps geschickt. Kaum hatten sie sich eingelebt, mussten die Türken das Feld räumen. Die hatten die Jugendeinrichtungen lange im Griff, aber die Russen waren brutaler. Und jetzt geht’s wieder los: Aleppo-Nord am Aschenland.“ So wird auf der Straße geredet, gelegentlich auch bei Facebook.

In der Bezirksversammlung dann, knapp eine Woche nach der Entscheidung für das Holzquartier, sind die Flüchtlinge zunächst kein Thema. Es sind zwar eine Reihe von Bürgern da, aber in der Fragestunde geht’s um Verkehrssicherheit und eine Buslinie mitten durch eine Wohngegend. Aber dann: Die FDP fordert einen Masterplan für die Unterbringung von Flüchtlingen. Das ist Carsten Schuster erst am Wochenende zuvor eingefallen, deshalb bringt er seine Forderung als Dringlichkeitsantrag ein. Jetzt schnappt das GroKo zum erstenmal zu: „Dringlich? Das lehnen wir ab.“ Außerdem belehrt CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer den Liberalen: „Wir brauchen keinen oberflächlichen Masterplan, wir brauchen ein durchdachtes Gesamtkonzept.“ Aha!

Der gemeinsame  Antrag von SPD und CDU hat da wesentlich mehr Substanz. Er nennt 22 Forderungen an den Senat, die bei einer verantwortungsbewussten Planung für die Unterbringung von Flüchtlingen eigentlich selbstverständlich –  zum Beispiel dass ausreichend Spiel- und Bolzplätze sowie Gemeinschaftsräume eingerichtet werden, dass die ärztliche Versorgung, aber auch die Sauberkeit in und rundum das neue Quartier gesichert werden oder dass das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs angepasst wird. Die GroKo fordert auch, dass die Zahl der Holzquartier-Bewohner auf 3000 begrenzt wird.

Für die Grünen ist das viel zu viel. Zum ersten Mal in dieser Legislatur zeigt Fraktionschefin Britta Herrmann Flagge und formuliert eine eigene Harburger Position –  die auch im Widerspruch zur Position der Landes-Grünen und der Bürgerschaftsfraktion steht. Als Regierungspartner der SPD tragen sie auch Camps mit 3000 Geflüchteten mit, als Opposition in Harburg zweifeln sie daran, dass bei solchen Größenordnungen Integration funktionieren kann. Immerhin: Britta Herrmann hat der GroKo eine Änderung ihres Antrags abgerungen. Auf ihren Vorschlag hin wurden Sätze aus der Antragsbegründung mit in das Petitum aufgenommen, nun fordert die Bezirksversammlung unter auch, dass „die berechtigten Interessen der Harburger Bevölkerung und die Sorgen und Ängste eines großen Teils der Bewohner Fischbeks zu berücksichtigen“ sind.

Inzwischen haben sich Anwohner aus dem Vogelkamp mit einem Offenen Brief an Bürgermeister Scholz gerichtet und ihn aufgefordert: „Bitte bringen Sie Licht in unsere Dunkelheit.“ In der Mopo hat Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde, schon auf den Brief reagiert: „Die Realität ist: Wir bekommen schlicht nicht genug Personal mehr für viele kleinere Einheiten.“ Langfristig werde es überall in der Stadt Unterkünfte in ähnlicher Größe geben müssen.   (ag)