140213BergsteigerHeimfeld – „Riskmanagement bei Grenzgängen am Ende der Welt“ hatte der bekannteste Bergsteiger der Welt seinen Vortrag beim INNO-Talk im hit-Technopark

überschrieben. Aber nach nur wenigen Sätzen, war klar: Mit der Risikoabwägung und den Entscheidungskriterien in Wirtschaftsunternehmen hatte das nur bedingt zu tun. Im Gegensatz zur normalen Welt, zu der sich auch mit Fug und Recht die 250 Gäste aus der Hamburger Industrie und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zählen durften, geht es in der wilden Welt des Extremkletterers und Abenteurers Reinhold Messner um die echten existenziellen Risiken, um archaische Erfahrungen. „Keiner geht ein Risiko ein, um umzukommen“, sagt er, „aber umkommen ist immer eine Möglichkeit.“ Und deshalb handelte der 69-jährige Südtiroler stets nach seinem Lebensmotto „Wer es nicht wagt, kann nicht einmal scheitern.“

Messner entführte sein gebanntes Publikum mit spannenden Geschichten in die höchsten Berge und einsamsten Eiswüsten. Erzählte von Anderl Heckmaier, der in den 1930-er Jahren kurz unter dem Gipfel der Eiger-Nordwand seiner Viererseilschaft das Leben rettete, weil er in schier auswegloser Situation fünfmal eine neue Route suchte und mit bloßen Händen die vereisten Griffe und Tritte auftaute. Ein geistiger Fließzustand müsse in einem herrschen, so Messner, man müsse bei einer Sache bleiben, die man sonst nie erreichen könne. Auch er selbst habe solche Notlagen bewältigt, auch hoffnungslose.

Die bewegendste Geschichte an diesem Abend war Messners erste Expedition am Nanga Parbat im Jahr 1970. Als schlechtes Wetter angekündigt war und nur wenig Zeit für die Gipfelbesteigung blieb, machten sich Reinhold und sein jüngerer Bruder Günther ohne Seile auf die letzten 100 Meter. Sie kamen bis 40 Grad minus unterkühlt und völlig geschwächt oben an. Günther erlitt beim Abstieg einen Kollaps wegen Überanstrengung und wurde von einer Lawine verschüttet, als Roland eine geeignete Route suchte. Es gab keine Möglichkeit, den Bruder zu retten. Reinhold Messner überlebte die Tragödie auf Knien abwärts rutschend, sieben Zehen mussten später amputiert werden.

Messner berichtete von weiteren Expeditionen im Himmalaya und zu den Polen, von denen viele Teilnehmer nicht mehr zurückkehrten. Er selbst beschränkte sich auf kleine Gruppen, meist nur zu zweit und wenig Gepäck. Bestieg als Erster den Mount Everest ohne Sauerstoffmaske oder marschierte mit Arved Fuchs 2.800 Kilometer in 92 Tagen quer durch die Antarktis. Die Risiken richtig einschätzen lernt man da draußen, sagt Messner, Erfahrungswerte und vor allem Instinkt würden einem dabei helfen. Manche Sachen, die man in dieser wilden Welt mache, seien für das Überleben wichtig, aber sicher für Menschheit unnütz.

Im Anschluss an den Vortrag beantworte Reinhold Messner noch viele Fragen aus dem Publikum und erwies sich auch beim gemeinsamen Abendessen mit den INNO-Talk-Gästen als angenehmer Gesprächspartner. dl