110306boos Neugraben/ Christchurch- Als sich Lennart Boos Ende Dezember mit seinem Rucksack auf den Weg nach Neuseeland macht, ahnt er noch nicht, dass er Zeuge eines der schlimmsten Erdbeben der vergangenen Jahre sein würde. In Neuseeland

wagt der 20-jährige das Abenteuer Ausland. Neben den Englischkenntnissen die aufgebessert werden sollen, will er sich Arbeit suchen und ein paar Euro dazuverdienen. Wie lange er bleiben möchte hängt davon ab, was der Geldbeutel hergibt, zunächst plant er sechs Monate.

Lennart lebt sich in ungewohnter Umgebung schnell ein, weit entfernt von Neugraben, seinen Freunden und Familie. Der 22. Februar scheint zunächst ein Tag wie jeder andere. Um 12:51 (Ortszeit) aber passierte es dann. In Christchurch wütet ein Erdbeben mit der Stärke 6,3, in der Stadt mit 400.000 Einwohnern herrscht der Außnahemzustand.

Reihenweise stürzen Häuser ein, in den Asphalt reißen riesige Löcher, Straßenzüge werden überflutet. Und mitten drin der Rucksacktourist aus Neugraben. Noch in der selben Nacht ruft Lennart, von dem Ereignis hörbar mitgenommen, zuhause an. Seine große Schwester sagt: "Seine Stimme war laut und er klang völlig verstört." Zwei Tage nach dem Ausbruch des Bebens ließ er via "Facebook", Freunde und Bekannte aufatmen. In emotionaler Weise schildert er, wie er das Beben erlebte. Auf seiner Pinnwand schreibt er mit der Überschrift "earthquake in Christchurch": "Ich bin gerade in Timaru, ca. 130 Kilometer südlich von Christchurch. Als das Erdbeben passierte war ich gerade in der Art Gallery, ich hatte noch nie soviel Angst in meinem Leben, wie in diesem Moment. Das Beben war so stark, dass ich bestimmt zwei Meter durch die Luft und anschließend gegen eine Wand geflogen bin."

Und das was Lennart dann in seinem Beitrag schreibt, lässt erahnen welche Ausmaße, die Katastrophe haben musste: "Es wurde schlagartig dunkel und überall zerbrachen Scheiben. Menschen schrien um ihr Leben, vor allem die Hilfeschreie von den kleinen Kindern, werde ich nie vergessen." Als Lennart endlich den Weg nach draussen fand, gab es Nachbeben, "jetzt erst konnte ich mir denken, wieviele Menschen ihr Leben verloren haben mussten." Die Kathedrale, die er nach dem Galleriebesuch besichten wollte, ist vollkommen zerstört.

Lennart berichtet von katastrophalen Zuständen, "in den Geschäften gibt es keine Milch und kein Brot mehr, vor den Tankstellen sind Kilometer lange Staus." In der Nacht nach dem Beben wurde Lennart von einer Familie, etwas außerhalb des Zentrums aufgenommen, "dort konnte ich übernachten." Der Abiturient ist wohlauf, aktuell befindet er es sich in der Stadt namens Oamaru, rund 280 Kilometer von Christchurch entfernt. In sieben Tagen wird ein ehemaliger Klassenkamerad und Freund zu ihm stoßen, dann soll die Abenteuer-Reise, hoffentlich ohne weitere Zwischenfälle, fortgeführt werden. (pw)